West Papua - Teil 1, darüber wie man sich mit seinem Schatten arrangieren muss

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Der Bulle ist augenblicklich mein Freund. Darauf muss ich mir nichts einbilden. Er ist zweifellos mit jedem Touristen dicke, der das Hauptquartier der Polizei für eine Reisegenehmigung ins Landesinnere aufsucht. Ob ich alle notwendigen Unterlagen mitgebracht habe, erkundigt er sich: meinen Reisepass, zwei Passbilder … und die Bearbeitungsgebühr. 20.000 Rupiah sind alles andere als ein Vermögen, es sind in der Tat nicht einmal zwei Euro, aber die Inflation, die Indonesien so erbarmungslos an der Gurgel hält, scheint diesen entlegenen Teil des Archipels dennoch besonders fies zu quetschen. Damit muss man sich arrangieren. Er lächelt. Ich lächle. Die Genehmigung ist eine Sache von Minuten, versichert er mir, bevor er mit den Dokumenten und den Geldscheinen in das Zimmer seiner Vorgesetzten verschwindet.

Im Hof trainiert eine Gruppe unverschämt gut aussehender Polizistinnen, alle Papua. Ihre Körper recken sich beeindruckend schlank gegen die Schwerkraft – ihre Ärsche tanzen atemberaubend prall in den Uniformhosen, und man möchte auch nicht einen Augenblick vermuten, dass ihre Brüste so hängen wie bei den Stammesfrauen, die immer nackig auf Postkarten und in National Geographic herumstehen. Die Polizistinnen laufen im Kreis, ich sehe abwechselnd ihre hüpfenden Brüste und ihre wackelnden Ärsche. Titten. Ärsche. Titten. Ärsche. Es ist ein Anblick, so prächtig, dass er mich doof macht – daher sei mir eventuell nachzusehen, dass ich ganz absonderliche Vermutungen anstelle, wie jene, dass die erschreckend hohe Zahl der HIV-Neuinfektionen, die in West Papua ein Vielfaches über dem indonesischen Durchschnitt liegt, in den Streitkräften und der Polizei ganz sicher weniger dramatisch ausfällt. Hahämmm …. räuspert sich der Mann, der schon ein paar Sekunden gleich neben mir gestanden haben muss. Es ist der nette Bulle, und er reicht mir die gestempelte und signierte Reisegenehmigung. Ich verlasse die Polizeizentrale über den Hof. Die Polizistinnen lachen und winken – das schöne, indigene Gesicht der Staatsmacht. Hinter den Schreibtischen, so viel konnte ich sehen, als ich den Gang vor den Arbeitszimmern entlang schlenderte, und dabei neugierig in jede offene Tür schielte, sitzen Menschen, deren Stammbaum sich aus anderen Teilen des Indonesiens hierher, nach Neu Guinea, verzweigt hat.

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Bucht vor Jayapura

Jayapura, die Hauptstadt West Papuas, ist ein echtes Drecksloch. Die staubigen, grauen Vororte klemmen sich an die Hänge über der Yos-Sudarso-Bucht und wuchern bis fast an die Ufer des Danau Sentani, eines riesigen Sees, in dessen Nähe sich auch der Flughafen befindet. Beinahe 200.000 Menschen leben in Jayapura, offiziell. Tatsächlich werden es viel mehr sein. 80 Prozent von ihnen sind keine Papua, keine der ursprünglichen Einwohner Neu Guineas, sondern aus anderen Teilen Indonesiens zugezogen. Sehr erheblich für diese drastische Verschiebung in der Bevölkerungsstruktur ist die 1969 vom damaligen Präsidenten Suharto initiierte Transmigrasi-Politik. Mehr als sieben Millionen Menschen wurden seither aus überbevölkerten Regionen Javas und Balis vor allem an die Peripherie Indonesiens umgesiedelt – die stärkere Integration dieser Gebiete ist dabei mindestens genau so Motivation wie die Erschließung neuen Lebensraums. Das mächtige Militär garantiert, dass sich diese schlaue und rücksichtslose Politik auch praktisch umsetzen lässt. Offener Opposition aus der indigenen Bevölkerung der Zuwanderungsregionen begegnen die Generäle häufig drastisch, mit ihrem ultimativen Argument.

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Immigranten-Kinder in Sentani


Auch in West Papua verschwinden immer wieder Menschen, werden in der Nacht aus ihren Hütten gezerrt und dann nie wieder gesehen - Bürgerrechtler, widerspenstige Geistliche, Einheimische, die ihren Unmut zu nachdrücklich bekundeten. Selten werden diese Vorfälle publik oder rufen gar eine internationale Resonanz hervor. Ausländischen Medien wird die Einreise nach West Papua rigoros verwehrt. West Papua gehört erst seit 1969 zu Indonesien. Unter äußerst dubiosen Umständen wurde damals für den Beitritt gestimmt. Dass der Wahlbetrug heute kein wirkliches Geheimnis mehr ist, mag Indonesien dazu bewogen haben, der Region nach dem Ost-Timor-Debakel etwas mehr Autonomie zuzugestehen. West Papua ist zu wichtig für Indonesien. Im Süden der Provinz werden die größten Kupfer- und Goldminen der Welt ausgebeutet – die damit einhergehende Umweltzerstörung ist immens und irreversibel. Das US-Unternehmen Freeport-McMoRan, das diese Minen betreibt, ist der wichtigste Steuerzahler Indonesiens. Die Situation West Papuas hat durchaus etwas von einem Tibet der Tropen – minus den knuffigen Weltfriedensstifter und all die prominenten Gutmenschen, die diesem an den Lippen hängen.

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Papua-Gören in Sentani

Es gibt ein paar Supermärkte in Jayapura, die möchte man der Stadt gar nicht zutrauen. Das erstaunliche Angebot kann man sich nicht so recht vorstellen, bevor man vor den mit importierten Lebensmitteln gefüllten Regalen steht. Die Importe sind selbstverständlich nicht billig - aber ich hatte in den zurückliegenden Wochen wahrlich wenig Gelegenheit, mir Black Forest Schokolade von Cadbury und die dicken Kekse von Pepperidge Farm (mit heftigen Schokoladenstücken und Macadamia Nüssen, soft baked) zu gönnen. An der Kasse muss ich anstehen. Vor mir stehen indonesische Hausfrauen, ihre Körbe randvoll. Sie reden in ihre Mobiltelefone und klappern mit Autoschlüsseln. Die Angestellten kassieren so zügig wie sie können, alle tragen Uniform. Kein Angestellter, keine Angestellte in diesem Supermarkt ist Papua. Es gibt auch viele kleinere Supermärkte, die ihr bescheideneres Angebot mit bescheideneren Gewinnspannen kompensieren. Die machen den Anschein von chinesischen Familienunternehmen. Die offensichtlichsten Geschäfte der Papua sind Betelnuss-Stände an den Straßenecken und verglaste Schubkarren, in denen kleine, batteriebetriebene Ventilatoren Fliegen von frittierten Süßkartoffeln und Tofu-Stücken pusten – das fettige Zeug ist so lecker, dass ich mich während der nächsten Wochen fast ausschließlich davon ernähre, davon und von meinen Keksen. Diese Stände haben eine enigmatische Anziehung auf andere Papua, die dort einfach nur abhängen, quatschen, und ihren vom Saft der Betelnüsse rotgefärbten Speichel in den Staub spucken. Einige dieser Slacker sehen aus, als hätten sie noch erheblich ungesündere Angewohnheiten als die leicht berauschenden Nüsse. Drogenschmuggel aus Papua Neu Guinea via Jayapura entwickelt sich zu einem immer ernsteren Problem. Das Zentrum Jayapuras aber ist, zumindest während des Tages, kein Ort, an dem man sich unsicher fühlen muss.

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Betelnussverkäuferin in Sentani

Ich dränge mich in einen bereits brechend vollen Minibus, weil der nun sicher gleich los fahren wird. Mein Hotel ist in Sentani. Das ist der Ort, der sich recht grün um den Flughafen streckt. In der Nähe ist der gleichnamige See, mit bildhübschen Stelzendörfern entlang der Ufer und auf den vielen kleinen Inseln, die aus dem weiten Gewässer ragen. Nach Sentani sind es knapp 40 Kilometer. Die Fahrt wird deutlich länger als eine Stunde dauern, auch weil ich mich noch zweimal in einen anderen Kleinbus werde quetschen müssen … aber es ist billig. Eine Mutter nimmt ihre Göre auf den Schoß. Mein erheblich breiterer Hintern passt natürlich nicht wirklich in die frei gewordene Lücke. Auf die letzte Bank, auf der nun wirklich kein Platz mehr ist, drängt sich nun noch ein junger Papua, dem dünne Dreadlocks ins Gesicht hängen – ich erkenne ihn trotz oder gerade wegen der Haare wieder. Es ist der Typ, der mir schon eine ganze Weile nachgelaufen ist, in sicherem Abstand. Er drängt sich gleich neben mich, sitzt mir mit der Hälfte seines Allerwertesten auf dem Schoß.
„Hi“, sagt der junge Mann.
„Hi“, antworte ich etwas gepresst.
„Mein Name ist Marcus“, sagt er, auf Englisch. (Das ist nicht der Name, mit dem er sich vorgestellt hat – ich habe ihn geändert.)
„George…“, entgegne ich, „ … wie in Bush, wie der US-Präsident.“
„Amerikaner?“
„Deutscher.“
„Ach, ich dachte erst du bist Russe.“
„Oh, echt?“
„Nur, weil es hier so viele Russen gibt, es kommen immer mehr.“
„Wirklich?“, verwundere ich mich. „Und was machen die alle hier?“
„Geschäfte und so. Und was treibt dich denn her?“
„Tourismus. Baliem Tal …“
„Das ist gut, prima“, fällt mir Marcus ins Wort. „Weißt du, ich bin Dani, ich bin aus dem Baliem Tal …“
„Nett.“
„Ich organisiere Treks durchs Hochland, bis hinunter in den Süden, weißt du, zu den ganz primitiven Stämmen, die noch auf Bäumen wohnen … ich bin dafür voll dein Mann…“

Marcus hat das prima abgepasst. Für den ganzen Weg zurück nach Sentani bekomm ich ihn nicht von der Pelle … und das ist – verdammt, meine Knochen – mehr als nur eine Floskel. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich nicht an langen, mehrtägigen Treks interessiert bin, schon gar nicht in den Süden, wo Malaria immer wieder ganze Stämme drastisch dezimiert – vor allem die, die für Minen-Projekte und Holzeinschlag, aus dem Hochland vertrieben wurden und keine Resistenz ausgebildet haben. „Ich nehme keine Malaria-Pillen“, scheint mir ein Grund, triftig genug.
Marcus sagt: „Ach, das macht nichts.“
„Yeah, right. … Also gut, ehrlich, ich hab nicht die Kohle.“
„Ich mach dir nen Sonderpreis“
„Shit, Marcus … nein, ich hab einfach keinen Bock!“
„Keine Lust, warum bist du dann hergekommen?“, Marcus kneift etwas die Augen zusammen, runzelt seine Stirn, und dann lacht er: „Komischer Tourist bist du … hargh hargh hargh … hey, ich hab hier ein paar Fotos von den Korowai …“
„Marcus“, sage ich so nett ich noch kann: „Ich brauch wirklich keinen Guide!“
Ich lächle. Er lächelt. Dieses Generve, damit muss man sich arrangieren.
„Ich habe immer einen Guide“, gesteht Marcus, auf einmal ganz ernst, richtig pompös. Der Typ ist ein Schizo. Er legt sich die Hand auf die Brust, „Der Herr Jesus ist immer mit mir.“

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Papua Straßenhändler: Betelnüsse und Maiskolben

Der Typ ist wahrhaftig ein Schizo, vielleicht sogar gefährlich. Er lächelt jetzt nicht mehr. Er wird sehr, sehr bitter. Nicht lange erfüllt ihm der gute Jesus Herz und Gedanken … er beginnt zu fluchen, und er spricht vom Hassen. Der Tag wird kommen, schwört er, an dem die Muslime, die Javanesen, die Chinesen, alle, die hier nicht hingehören, aus seinem Land gejagt werden. Dann bekämen die Papua deren Läden, sie hätten Kontrolle über die Verwaltung, sie hätten wieder eine Chance … erst dann werde alles gut. Dies sei sein Kampf. Ich beobachte die anderen Passagiere, die mit uns im Kleinbus schwitzen, und ich spüre, dass Marcus auch ihnen diese Fahrt noch unkomfortabler macht, als sie ohnehin schon ist … und sie verstehen höchstens einen Teil seiner Tiraden. Marcus spricht von den ersten Erfolgen seiner Bewegung: Irian Jaya heisst jetzt wieder West Papua. Und dieses West Papua hätte bereits einen Teil seiner Selbstbestimmungen zurückgewonnen.
„Und das ist gut, so ein Teil von etwas?“, lasse ich mich schließlich, endlose Minuten in seinen Monolog, zu einem Kommentar hinreißen.
Marcus kneift erneut die Augen zusammen. Er runzelt seine Stirn. Und er lacht nicht.
„Es ist ein erster Schritt“, sagt er ganz trocken. Auf dem letzten Stück der Fahrt, am Nordufer des Danau Sentani entlang, beschreibt er, welch tolle Souvenirs die Schnitzereien des Asmat-Stammes machen. Er kann ein paar besonders schöne Kunstwerke besorgen, betont er. Nicht dass ich auch nur einen Augenblick daran gezweifelt hätte.

Markus ist immer ein paar Schritte hinter mir. Er wartet vor der Tür, als ich mir mein Flugticket besorge. Ich gebe dem Angestellten zu verstehen, dass er nicht zu mir gehört – er soll sich die Provision in die eigene Tasche stecken. Aber um das bisschen Trinkgeld scheint es Marcus nicht zu gehen. Er folgt mir weiter. Er folgt mir, wenn ich mir eine Diet Coke kaufe. Er schaut mir zu, als ich meine frittierten Süßkartoffeln und Tofu esse. Er steht immer in meiner Nähe, wenn ich das Nachmittagslicht für ein paar Fotos nutze. Ich kann Marcus nicht wirklich verbieten mir nachzulaufen. Aber dann ist das auch nicht so wirklich ein freies Land hier. Anstatt ihn zu konfrontieren, verkrieche ich mich auf mein Zimmer. Eine halbe Stunde später schleiche ich mich zurück auf die Straße. Dann gehe ich zügig in Richtung der Cyclops Berge, die sich mächtig und urwaldgrün über Sentani erheben. Ich laufe allein. Marcus wartet in keinem der langen Schatten, die die Abendsonne über meinen Weg wirft. Und wirklich sehe ich ihn nicht wieder … bis zum nächsten Morgen, als er mich vor meinem Hotel abfängt. „Hey“, winkt er mir zu. „Und was hast du geplant für heute?“
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Die Cyclops Berge am Abend

…. wird fortgesetzt … nächste Woche.

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