Helloween - Keeper of the Seven Keys (früher auf Polenkassette, jetzt auf Legacy World Tour)

keeper1.jpgIm Sommer 1988 waren Helloween für mich eine große Nummer. Wegen denen habe ich mich, kleiner Stubbel mit den ersten Pubertätspickeln, der ich war, fast mit einem Polen geprügelt. Der Pole stand auf dem Wochenmarkt mit seinem Stand und verkaufte Kassetten von Roland Kaiser und angesagten Metalbands. Heavy Metal. Ich konnte da nicht widerstehen. Es war schwer ranzukommen an die Scheiben, damals in der Zone. Noch konnte ich nicht ahnen, welch drastische Veränderungen binnen der folgenden zwölf Monate mein Leben grundlegend auf den Kopf stellen würden. Vor allem ahnte ich nicht, dass ich, in kürzerer Zeit, als die Erde benötigt, einmal die Sonne zu umkreisen, Helloween abschwören und sie verleumden würde … um nur noch Slayer und später dann Grindcore zu hören. Nein, daran war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken. Ich gab dem polnischen Kassettenhändler einen guten Teil meines mühsam gesparten Taschengeldes und nahm Helloweens „Keeper of the Seven Keys“ mit nach Hause. Ich kannte nur wenige, nur ein, zwei Songs von diesem Album. Ich hatte die auf dem Jugendradio gehört. Der Sound des kompletten Albums überraschte mich. Helloween klangen irgendwie nach dem Geräusch, das ein Abfluss in der Badewanne macht, kurz bevor er den letzten Rest Dreckwasser aufsaugt … Schlürpl …Blurbel … Blurbel … Schlürpl … aber eigentlich noch viel dumpfer. Ich hatte die Vermutung, dass Heavy Metal nicht so klingen dürfe. Um sicher zu gehen, klingelte ich bei einem Nachbarsjungen, der auch einen Kassettenrekorder hatte. Auf seinem Gerät klangen Helloween noch viel, viel schlimmer. Mein Freund und ich, wir liefen gemeinsam zurück zum Markt, in der Hoffnung, dass der miese Pole mit seinen räudigen Kassetten noch nicht das Weite gesucht hatte. Er hatte nicht. Er stand noch immer da, und drehte alten Omis seinen Schund an. Ich sprach ihn an und bat die Kassette umzutauschen. Er schaute mürrisch auf mich herab, und er sagte: vergiss es! Ich fand das sehr gemein. Ich sagte, ich gehe hier nicht eher weg, bevor ich nicht eine neue Kassette oder mein Geld zurück bekommen habe. Er zuckte mit den Schultern, und er wandte sich neuer Kundschaft zu. Ich würde nicht hier kaufen, nicht mehr, empfahl ich seinen Kunden, das sei alles großer Schund. Den Polen machte das so wütend, dass sein dicker Schnauzbart bebte. Er brüllte, er versuchte uns zu greifen, nach uns zu treten, aber wir waren zu zweit, und, überhaupt, das war ihm dann etwas zu viel Aufhebens. Er warf mir eine neue Kassette zu und fluchte, ich solle bloß verschwinden. Mein Freund und ich liefen zurück in unser Wohngebiet, immerhin eine gute halbe Stunde entfernt, und wir freuten uns den ganzen Rückweg über unseren Sieg. Wir gingen in das Zimmer meines Freundes, um die Kassette dort gemeinsam anzuhören. Obwohl er noch Modern Talking mochte, wollte mein Kumpel doch diesen Moment mit mir auskosten, für den wir so hartnäckig gestritten hatten. Helloween. Keeper of the Seven Keys. Nun in echt, auf Zonen-Stereo: Schlüüüüürp … Blurbel …. Blöblöbblöb. Helloween hatten nun etwas mehr Höhen, aber sie klangen immer noch nach Abfluss.
Nimrod

P.S. „Keeper of the Seven Keys – The Legacy World Tour“ ist trotz des ähnlichen Titels eine ganz andere Platte. Es handelt sich um das aktuelle Livealbum von Helloween, und es erscheint auf dem Steamhammer-Label, das sich um die Qualität seiner Produkte und den Status seiner Künstler aufrichtig bemüht (was da noch blubbert sind die brasilianischen Fans!). Die Doppel CD und Doppel DVD sind qualitativ zweifellos hochwertig, mit raubkopierten Kassetten müssen heute nur noch Fans in Indonesien, Zentralafrika und den Slums von Sao Paulo vorlieb nehmen.

P.P.S. Dieses ist die aufrichtige Widmung an das Album. In PNG 72 – dem „Lügen“-Heft – wird es noch eine zweite Variante geben, aber nur dort, exklusiv.

Comments (2) to “Helloween - Keeper of the Seven Keys (früher auf Polenkassette, jetzt auf Legacy World Tour)”

  1. aber so ein bisschen polenvorurteile werden hier ja schon unreflektiert zum besten gegeben…
    nicht dass das bei leuten, die helloween lesen und dann den artikel öffnen, etwas ändern würde.

    im positiven sinne.

  2. ja, tut mir auch aufrichtig leid um die Polen … und dabei hab ich nicht mal den Strickpulli erwähnt, den der Mann trug… nächstes mal mach ich Fußnoten … * natürlich wissen wir heute, dass polen nicht nur Käse verkaufen, dass manche Polenmänner sich über der Oberlippe rasieren … und viele polenfrauen die beine (insofern sie nicht, wie beinahe die Hälfte des Volkes, als hässliche Zwillinge geboren wurden) … jeder weiß das.

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