West Papua - Teil 2, über einen Mann, der nach Schätzen taucht, nicht weit von der Stelle, an der Theys Eluay ermordet wurde

Ich fahre Marcus einfach davon.

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Der Kerl hatte mir vor meinem Hotel aufgelauert, um mir wohl auch den zweiten, langen Tag in der Hoffnung auf ein Geschäft nachzulaufen und mich derweil mit Jesus vollzuquatschen. „Du brauchst mich, du sprichst doch die Sprache nicht“, hatte er sich nachdrücklich empfohlen, bis ich ihn daran erinnerte, dass er behauptet hatte, er wäre Dani. „Ja, natürlich bin ich Dani!“, klang er recht empört. „Und Buyaka der Sentani sprichst du dann auch?“, hatte ich nachgehakt, und er hatte dann etwas kleinlaut eingestanden, dass er darin nicht so fließend sei. Aber trotzdem, blieb er beharrlich, sein Umgang mit der Bahasa Indonesia sei doch wohl viel besser als der meine. Mit fünf Meter Abstand trottete er mir hinterher. Es war dann, dass ich auf die Idee mit dem ojek, dem Motorrad-Taxi kam. Es ist nicht sehr weit bis hinunter zu den Ufern des riesigen Sees Sentani. Man kann prima laufen. Man kann aber auch 5000 Rupiah ausgeben, nur 50 Cent, die selbst der aufdringlichste Guide in ganz West Papua wohl nicht aus der eigenen Tasche bezahlen möchte. 50 Cent können mehr Gewissheit bringen als die gerissenste Fangfrage, oder die Konfrontation – warum noch mal gehst du mir seit zwei Tagen auf die Nerven, und schaust nicht mal beim Flughafen, ob sich nicht zufällig zwei dicke Russen mit Rollkoffern hierher verirrt haben?
An beinahe jeder Straßenecke lungern kleine Banden gelangweilter Motorradkutscher. Ich klopfte auf den Sattel des nächstbesten Vehikels, und zwei Typen lösten sich aus der Gruppe, die um zwei Kartenspieler herumstand. „Satu“, rief ich ihnen zu. „Ein ojek ist genug.“ Marcus stand wortlos dabei. Ich winkte ihm, als der Junge vor mir Gas gab.

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Der Name Sentani steht sowohl für eine kleine Stadt als auch für den Flughafen. Sentani ist zudem der Name eines der größten Seen auf Neu Guinea, und es ist ein Sammelbegriff für die Stämme, die entlang seiner Ufer und auf seinen 19 Inseln leben. Für die Papua impliziert der Name noch eine weitere Bedeutung – Sentani ist eng verknüpft mit der Person Theys Eluays und dem Ringen West Papuas um seine Unabhängigkeit von Indonesien. Dieser Theys Eluay war seit Mai 2000 Vorsitzender des Papuarats – eine supraethnische Versammlung, der politischen Arm der Unabhängigkeitsbewegung – und hatte sich durch sein entschiedenes Eintreten für die völlige Loslösung West Papuas von Indonesien über die Grenzen seiner Heimat hinaus Profil gewonnen. Aber erst seine Ermordung durch Angehörige einer Spezialeinheit der indonesischen Armee im November 2001, ließ die Zweifel sich völlig auflösen, mit denen viele Papua diesen Mann bedacht hatten, der sich zu Lebzeiten mit zwielichtigen Kontakten ins Militär, reichlich obskuren Geschäften und nicht zuletzt durch einen drastischen Wandel in seinen politischen Ansichten als eine eher ambivalente Type präsentiert hatte. Erdrosselt wurde aus ihm ein waschechter Märtyer für die Sache. In seinem Gedenken sind am ersten Jahrestag der Ermordung Tausende Papua zu seinem Grab in Sentani marschiert.

boatmaking_web.jpgÜber Theys Eluay rede ich nicht mit den Bewohnern der Stelzendörfer an den Ufern des malerischen Sees Sentani. Statt dessen sehe ich zu, wie sie ihre typischen Kanus aus Baumstämmen hauen, eine Hängebrücke zu einer der vielen Inseln im See anstreichen, Abfälle in das Wasser kippen, aus dem sie trinken und fischen – Gespräche sind nicht mehr als freundlicher, neugieriger Chitchat … ich mache viele Fotos von lachenden Gören und runzligen Alten, der übliche Touristenscheiß eben, nur dafür bin ich hier. Endlich mal Urlaub, arbeiten darf man als ausländischer Journalist in West Papua ja nicht. Mir ist nach etwas Wandern. Man kann den See zu Fuß nicht umrunden, nicht nur weil das Tage dauern würde, irgendwann geht es einfach nicht weiter.

Auf dem Rückweg fällt mir am Ufer, das ich links neben mir habe, ein kleiner Hügel aus Gerümpel auf. Ich bin mir nicht sicher, dass der nicht schon dort gewesen ist, als ich diese Stelle zum ersten Mal passierte … aber jetzt fällt er mir auf, weil dahinter ein langer, nasser Kerl mit einer Schwimmbrille über den Augen zurück ans Ufer plätschert. Seine Hände werden sichtbar. Er hält einen großen Plastikpokal, gold auf schwarz. grannyandchild_web.jpgIch finde es großartig, dass die Dörfer um den See eine Müllabfuhr ins Leben gerufen haben. Freundlich winke ich dem Mann, als er mich bemerkt. Ein Ansporn soll das sein. Er aber scheint zu glauben, es ist der Pokal, den ich mir näher ansehen möchte. Tropfend kommt er angelaufen und reicht mir das schmutzige Fundstück. Ich will es nicht, nicht mal anfassen. „Was glaubst Du ist das wert?“, fragt er. Ich bin ehrlich mit ihm: „Für mich… ganz und gar nichts.“ Er wirkt ein wenig enttäuscht, aber wirklich nur ein wenig, denn wahrscheinlich hat er so etwas bereits geahnt. „Verdammt“, flucht er, nicht sehr emphatisch: „Einmal nur möchte ich ein japanisches Schwert finden, oder auch nur ein Bajonett … weiß du was die Japse dafür zahlen? Unglaublich viel, aber statt dessen …“. Er zuckt mit den Schultern. Yosef – ich nenne ihn mal Yosef (nicht weil er mir Dinge erzählt, die ihm die indonesische Justiz vorhalten könnte, einfach nur weil ich vergaß, nach seinem Namen zu fragen) – ist durchaus wählerisch mit den Dingen, die er aus dem See zieht. Yosef ist nicht der Müllfischer vom Sentani, er ist ein Schatztaucher.

Man kann den Einheimischen wahrscheinlich nicht vorwerfen, dass sie leere Zigarettenschachteln und löchrige Öl-Kanister in den See schmeißen. Die japanischen Besatzer und nach ihnen die Alliierten haben es ihnen in großem Stile vorgemacht. Fahrzeuge, Waffen und riesige Fässer lägen noch dort unten, erzählt Yosef auf dem Weg zu seinem kleinen Haus… vielleicht sogar Goldbarren. Ich winke lachend ab. Wäre das wahrscheinlich, würden hier sicher erheblich mehr Menschen, so wie er, mit Schwimmbrillen baden gehen. Yosef hat mich gebeten, seine Familie zu treffen, und vor allem, einen Blick auf all die Dinge zu werfen, die er bereits auf dem Grund des Sees gefunden hat. Ich habe gerade nichts besseres zu tun. Und ein wenig, das gebe ich zu, hoffe ich tatsächlich darauf, dass sich dort, in seiner bescheidenen Bude, das eine oder andere kostbare Kleinod angesammelt hat, welches ich ihm abkaupeln könnte, für ein paar Glasmurmeln … das heißt, für das moderne Äquivalent: Ein-Dollar-Noten.

diverandhisfamily_web.jpgIn Yosefs Hütte steht kaum mehr als ein großes, selbst gezimmertes Bett. Problemlos können darauf seine Mutter, seine Frau, die kleine Tochter und er Platz finden, und genau das machen sie wahrscheinlich auch, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet und das Licht ausgeht. Neben dem Bett ist ein Brett an die Wand montiert. Darauf stehen ein welliges Bild von Jesus, dem Erlöser, und ein paar Kunstblumen. Der Rest scheint nicht wirklich zur Einrichtung zu gehören, das alles sind wohl Funde aus dem See, und die möchte er loswerden. Eine defekte Tischuhr, die so eingerostet ist, dass sie alles Öl auf dem Grunde des Sentani nicht mehr zum Laufen bringen wird. Ein großes, gerahmtes Foto – dafür, dass es unter Wasser gelegen haben soll, immerhin noch nicht völlig ruiniert – auf dem man zwei Männer der Grenzeinheiten von Papua Neu Guinea und Indonesisch-Papua erkennen kann, die sich die Hände schütteln und dabei in die Kamera lächeln. Und dann ist da noch eine hässliche Puppe, an die sich Yosefs Tochter aber so verzweifelt klammert, dass er verstehen kann, wie ich es nicht übers Herz bringe, sie ihm für ein, zwei Dollar abzukaufen.

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Der Weg zurück nach Sentani, die Kleinstadt, ist hiernach recht langweilig. Ich laufe über die Landebahn des Flughafens, und stehe bald wieder vor meinem Hotel. Ich sehe Marcus nirgendwo lungern. Es ist noch zeitiger Nachmittag. Ich kaufe frittierte Süßkartoffeln und Tofu von einem Stand am Straßenrand. Nach einer Pause im Schatten steige ich hinauf in die Cyclops Berge. Der schmale Pfad ist äußerst rutschig und meine Chucks sind bereits erheblich durchgelaufen. Nachdem ich ein paar mal heftig auf meine Kameratasche gefallen bin, stecke ich an an einem Wasserfall die Füße ins Wasser, und mache dann kehrt.
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Wird fortgesetzt …

West Papua - Teil 1, darüber wie man sich mit seinem Schatten arrangieren muss

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