Michael J. Sheehy - Ghosts on the Motorway

„There’s many the slip between cup and lip.“ Allerdings.

m_j_sheehy_ghost.jpgMit staubigem Gitarrenkoffer ist er von draußen auf den Straßen in die Stadt gekommen, er ist durstig und einigt sich schnell mit dem Wirt, für ein paar Handvoll Ale den Pub bespielen zu dürfen. Wenig später ist er in der nötigen Stimmung: Schließt die Augen, meine Freunde, es ist jetzt soweit. Ich nehme euch mit auf die Straßen, von denen ich glaube, dass sie in hellere Gegenden führen, dorthin, wo die Sonne über den Hickorys und den Verlorenen an den Ufern des Mississippi scheint, oder waren es die Weidenbäume vor den Backsteinhäusern der Torrianio Avenue, den Duft Camdens und der Themse im Haar? Wir sind alle Cornelius Suttree, wie auch ich in euch bin. Es sind die Straßen, von denen ich glaube, dass wir alle auf ihnen gehen, die Strassen, an die ich glaube.

Endlich, nach all den Jahren berührst Du wieder unsere Seelen, indem du, wie der rot-goldene Fluss der Morgensonne Vene und Kehle, deine Stimme, deine Worte, deine Melodien in uns fließen lässt. Was hast Du getan in der Zeit, was hast Du gesehen, wo bist Du gewesen? Wie wirkst Du nun? Erzähl!

„Torrianio Avenue“ ist ab jetzt das schönste Lied der Welt. Stellvertretend für alle letztendlich von irgendeiner Art von Liebe trunkenen Morgen, an denen man euphorisiert seinen Weg in ein gefühltes Zuhause, einen neuen Tag oder Abenteuer macht, klingt das Lied, als wäre es schon immer hier gewesen, nur ein einziges Wort, „chemicals“, verankert es im Hier und Jetzt persönlicher Erinnerungen, ansonsten erzählt es von einer mythischen Allee, die jeder kennt, der schon einmal sein Herz in und an Nacht und Morgendämmerung verloren hat. In Verbindung mit der zeitlosen Zärtlichkeit seiner unvorstellbar schönen Melodie löst es die bis dato beste Huldigung einer gesegneten Straße, Van Morrissons „Cyprus Avenue“, ab.

Natürlich, wenn notorischer Katholizismus in den Arbeitervierteln Londons auf einen Geist trifft, der wie ein Radio ist, dessen Sendereinstellung spätestens 1955 stehen blieb, kann es passieren, dass weder Augen noch Kehle trocken bleiben. Der gut verdeckte Humor jedoch ist nur fast so trocken wie der erste Martini des Tages, denn er versteckt sich hinter Tränen. Mit diesen die knochentrockene Kehle benetzen, um am Kant-Stein liegend „Blue moon you saw me standing all alone“ in die Nacht hinein zu singen, um damit die Engel zu verführen oder zu verjagen, falls sie am Bettende stehen, um einen mitzunehmen. Obwohl, der liebe Herrgott hat sich noch immer nicht erbarmt, das eigene Elend durch einen wohlgezielten Blitz zu elektrifizieren, sondern lässt dich einfach im Regen stehen, jawohl, er lacht lieber Tränen, die dann in deinem Hals stecken bleiben. Zeit zur Kirche zu kriechen, es dämmert bereits.

Michael J. Sheehy ist ein begnadeter Songwriter und sensibler Sänger mit einer Intuition für die entscheidenden Nuancen, ein Silver Tongued Devil, ein unheilvoller Romantiker, ein „Son of Blue Moon“. Ein Dichter, der über das baldige Ende der Nacht, das glasklar und befreiend über ihn hereinbricht, hinausführt. Es sind die Wee Small Hours, feinabgestimmt mit dem Grat der Trunkenheit, den wir die Goldene Stunde nennen, die Phase, in der wir die Welt und ihre Menschen messerscharf und ihr und ihnen auf den Grund ihrer, also eurer Seele sehen, und dann schauen wir sogar in und über den Abgrund unserer eigenen. Wir lassen für den Moment eines Augenblicks die totale Wahrhaftigkeit zu, wir erschrecken über uns selbst, die Sekunde, in der die Welt knirschend zum Stehen kommt. Die Leistung von Barden ist es, diese Momente nicht zu vergessen, sondern daran zu erinnern. Daran festzuhalten, sie zu internalisieren. Dabei liegt der Trick des Erinnerns manchmal im Vergessen.

Wenn die Flut dann das Verlorene in uns hochgespült hat, welches sich wie Schlick über den Ritzen des Kopfsteinpflasters ansammelt, nachdem sie sich in die Flussbetten zurückgezogen hat und uns schlaflos macht durch den Trieb, mit dem sie durch unsere Adern fließt, knien wir manchmal nieder und wollen uns reinwaschen mit dem Dreck. Doch dann erkennen wir, dass nicht Pathos und Kitsch an unseren Händen kleben, sondern der Glaube an und die Wahrheit über das Leben, das in uns pulsiert.

„A life without trouble ain’t no life at all“. Allerdings. Und aus irgendeinem Grund beruhigt uns das ungemein.
(Glitterhouse/Indigo) André

michaeljsheehy-swhochhat.jpg

Comments (1) to “Michael J. Sheehy - Ghosts on the Motorway”

  1. das video zu “bloody nose” gibt es hier: http://youtube.com/watch?v=Ez-mbgBXkP8

Post a Comment
*Required
*Required (Never published)