Ehrliche Rockstars Blood Brothers

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Ein kalter Nachmittag am Berliner-Ostbahnhof, warten auf die Blood Brothers im Postbahnhof. Ein wider erwarten gut gelaunter Rockstar steuert zerzaust und unentschlossen auf mich zu, gibt mir verlegen die Hand und wir setzen uns in einen kahlen Raum Backstage.

Bitte sag doch mal, wann hast du deine letzte Lüge erzählt?

Eine große oder kleine?

Die Beste.

Die Beste? Kann ich nicht sagen, war’n Witz, nein, aber ich lüge einfach nicht wirklich. Ich habe kaum Geheimnisse, das muss dann schon ziemlich lang her sein. Ich kann mich jetzt wirklich an nichts erinnern. Mit Beliebigkeiten kenn ich mich besser aus.

Wann bist du denn beliebig?

Vermutlich wenn ich zu etwas gezwungen werde, was ich nicht machen will, wenn man, sich irgendwie durchwindet, wie eine blöde Arbeit, die du nicht wirklich erledigen willst.

A propos Arbeit, ihr habt gerade ein neues Album aufgenommen, es klingt wesentlich harmonischer, weniger kantig als die Sachen, die man sonst so von euch kennt. Woran liegt das, gab es denn, ganz ehrlich, wirklich gar nichts, was euch, oder dich im speziellen, schon bei den Aufnahmen daran gestört hat?

Nein, ich mochte es alles in allem sehr gerne, es gab eigentlich keine, oder nur sehr wenige Dinge die mich diesmal gestört haben. Ich hatte meine Stimme verloren, in den ersten zwei Aufnahmewochen, das hat aber nicht weiter gestört, ich hatte da eh nicht so viel zu tun. Also eigentlich war alles gut.

Dann warst du letzte Woche noch nicht wieder hergestellt? Die ersten Shows in Europa wurden ja ebenfalls gecancelt, deine Stimme war wieder weg… oder war das eher der Lagerkoller?

Wir waren ganz schön dehydriert nach diesem Interkontinentalflug und dann hatten wir keine Zeit und Chance uns an die verschiedenen Zeitzonen zu gewöhnen. Wir waren die ganze Zeit unterwegs. Die erste Woche habe ich circa zwei Stunden pro Nacht geschlafen und dann war sie wieder weg.
Jetzt ist aber wieder alles gut. Gestern hatten wir einen Day-Off- wir haben uns die „Clap your hands, say yeah“ und „cold war kids“-Show angeschaut. Danach hatte ich vor die S-Bahn zurück zu unserm Hotel zu nehmen, aber da war irgendwas zwischen Ostbahnhof und Warschauer Platz, und ich bin nicht zum Ostkreuz gekommen, weil die dort überall bauen.
Ich bin dann immer wieder in einen Zug eingestiegen, der mich direkt wieder dort hingebracht hat, wo ich gerade her kam und andersrum, bestimmt anderthalb Stunden. Ich dachte ich dreh verdammt noch mal durch.

Und jetzt „sick of Berlin“?

Nein, ich mag Berlin tatsächlich sehr gern, abgesehen davon, dass es hier einfach mal unheimlich kalt ist.

Noch immer kalt ist es, als im großen Konzertsaal des Postbahnhof die erste Band zu spielen beginnt. Das Konzert wurde vorverlegt. Die Vorband, The White Circle Crime Club aus Antwerpen, spielen beherzt gegen den leeren Raum an. Ein blecherner Sound dröhnt durch die Boxen, es fehlt an Menschen und ein Funke will, trotz aller Bemühungen, nicht überspringen. Die Band ist sichtlich entschlossen, den spärlich gefüllten Saal zum Tanzen zu bringen. An der Bar staut es sich, nur vereinzelt stehende Leute.
Emotionale Ausbrüche sind von diesem Publikum nicht mehr zu erwarten, die vier Musiker auf der Bühne zeigen sich, davon unbeeindruckt, fröhlich.
The White Circle Crime Club haben mit ihrem Auftritt als Vorband überzeugt, mittlerweile ist der Saal halbvoll, einige Interessierte stehen noch immer unentschlossen am Merchandise. Die Band ist zufrieden mit ihrem Auftritt, sagt… Gitarrist der Band, es hätte trotzdem besser laufen können. Immer noch strömen Menschen in den Saal, vermutlich haben sie die letzten drei Stunden vor dem elterlichen Spiegel darauf verwendet mit Hilfe diverser Stylingprodukte möglichst unausgeruht und ungepflegt auszusehen. Alterstechnisch kennt der Großteil der Zuschauer VIVA II vermutlich nur noch als Chartsender auf SMS-Knopfdruck mit Fünfminutenpaketsklingeltonwerbung. The Blood Brothers entern die Bühne und zerschlissene H&M - Ringelpulloverpiraten starren gebannt zur Bühne, ich teilnahmslos vor mich hin. Caroline

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Comments (1) to “Ehrliche Rockstars Blood Brothers”

  1. ein jeder macht sich seinen reim. ich hätte wccc sehr gern gesehen, aber man rechnet nicht so recht damit, dass die vorband eine viertelstunde vor dem angekündigten einlassbeginn loslegt. zur bühne habe ich dann doch eher gebannt gestarrt, denn das war doch alles ein ziemlicher wahnsinn.

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