Fire walk with me Dälek

Das Feuer war immer dabei, wenn die Protagonisten in David Lynchs Kopfgeburt „Twin Peaks“ die Wälder durchstreiften, Unmengen von Kaffee und Donuts vertilgten, sich kryptische Dialog-Battles lieferten und wenn der böse Geist einen Wirt nach dem anderen aufbrauchte. Der hierzu eingebundene, von Angelo Badalamenti und Lynch selbst erstellte, Score trieb dabei die magnetische Unwirklichkeit des Gezeigten unweigerlich auf die Spitze. Innerhalb tausender Kapitel interkontinentaler Pop-Schreibung wurden diese Atmosphären mannigfaltig der Wiederverwertung zugeführt. Man denke u.a. nur an Mobys immergrünen Floorfiller „Go“. Aber vielleicht kam noch niemand so sehr an dieses einstige, mystizistische Flirren um Laura Palmers Gebeine, wie es jetzt das neue Werk von Dälek namens „Abandoned Language“ maulöffnend vormacht, auf dass sich die Douglas-Tannen einmal mehr unheildräuend im Wind wiegen dürfen.
Ja, das ist schon so eine Sache mit mir und dem weltweit Feuilleton-gehätschelten Regisseur David Lynch. Er kreierte Filme wie bspw. „Eraserhead“, „Blue Velvet“ oder „Der Elefantenmensch“ vor denen ich mich gar nicht tief genug verneigen kann. Und er schuf neben Lars von Triers „Kingdom“ mit „Twin Peaks“ die für mich bis heute beeindruckendste TV-Serie aller Zeiten. Und doch verwirrt er gerade heute immer wieder gern und ohne Gnade mit markerschütternden Plot-Wechseln, welche den Konsumenten in unnachgiebiger Ratlosigkeit zurücklassen. Wie kniete ich einst untertänig im Kino, als ich Zeuge der ersten ca. 40 Minuten seines Reißers „Lost Highway“ wurde. Innerhalb dieses mittels Plotstruktur, Bild-und Tonspur perfekt abgetimten Prozedere, sah ich schon Hitchcock’schen Suspense spanlos in die Spät-90er herüber transportiert. Als Knastschließer Henry Rollins allerdings, am Morgen nach seinem Schlüsseldreh, eine ganz andere Person in der Zelle vorfand, als selbige, die er vorher einbuchtete, schwante mir schon, dass Lynch nun den Filmkunst-Bär steppen lassen würde. Bis heute weiß ich nicht, was mir der Künstler ab diesem Moment eigentlich sagen wollte. Und Leute, die im Nachgang per verständnisvollem Blick das Gesehene mit einem Referat zum Thema Schizophrenie Revue passierten, dürfte Lynch selbst auch nur mit einem müden Lächeln bemitleiden. Dieser hat sich doch längst für die cineastische Darlegungsvariante des beweglichen Ölbilds entschieden, nutzt also die Gegebenheiten für sein ureigenes, künstlerisches Bilderbuch und das ohne jegliche Dogma-Richtschnur. Der ähnlich gelagerte, „Twin Peaks“ und „Lost Highway“ geschickt aneckende, Spät-Nachfolger „Mulholland Drive“ unterstreicht hierbei nur meine Annahme. Der markschütternd schöne Avant Hop von MC Dälek und Co-Producer Oktopus wähnt wohlweislich Strategien der Verwirrung ebenso im erstellerischen Tableau. Nur dass hier die auseinander dividierten Stränge, zu meiner Freude, gen Ende eines Stückes oder zumindest zum Ende eines Albums doch auch gern wieder zusammengeführt werden. Auf allen Tondukumenten dieses Duos aus New Jersey – „Negro, Necro, Nekros“ (1998, Gern Blandsten); „From Filthy Tongue Of Gods And Griots“ (2002, Ipecac); „Ruin It-Kid 606 vs. Dälek“ (2003, Tigerbeat 6); „Derbe Respect, Alder-Faust vs. Dälek“ (2004, Staubgold); „Absence“ (2005, Ipecac); „Abandoned Language“ (2007, Ipecac) – lässt man uns, bei aller Freude am Experiment und an der Einverleibung diversester Einflüsse aus allen Archipels zeitgenössischer Pop-Soundwerdung, doch niemals dumm sterben. Zu den auf dem Vorgängeralbum „Absence“ HipHop-fremden Eingemeindungen zwischen My Bloody Valentine-Tremolo-Inferno und den Noten gewordenen Weissagungen eines Krzysztof Penderecki, erlangen auf der vierten Dälek-Fulltime modernistische Suspense-Schattierungen erlauchte Oberhand. Man könnte auch sagen, dass nun Kevin Shields beim Austoben auf HipHop-Beats Besuch von Michael Gira (Swans) bekommen hat. Doch da ist ja noch viel mehr als bloßes Soundtüftel-Armdrücken auf „Abondoned Language“, das Dälek selbst u.a. als „our ‚Dark Side Of The Moon’“ oder „’Pet Sounds’ á la Dälek“ bezeichnen, ablesbar. MC Dälek höchstselbst hierzu: „We want to embrace you with the sound and then suffocate you“. Selbige Aussage würde wohl auch David Lynch problemlos zu seiner machen können und dürfen. Und doch ist hier nicht nur soundmalerische Mustermesse angesagt, wenn Dälek ein neues Album vorstellen. HipHop steht auch heuer definitiv rechtmäßig themenbezüglich zu Papier. Nicht nur, dass u.a. Rob Swift (X-Ecutioners) seine Dienste zur Verfügung stellte, untermauert dies. Der Beat-seitige Unterboden und vor allem die vokalistische Aufwartung Däleks lassen auch kein Auge eines HipHop-Conaisseurs, der auf so einiges zwischen Public Enemy und bspw. Cannibal Ox kann, trocken zurück.
Und doch verwalten Dälek einen überdimensionalen Pool der eigentlich themenfremden Einflüsse, welcher sie innerhalb des internationalen HipHop-Schmelztiegels definitiv einzigartig macht. Und dies belichtet eine Offenheit, die durchaus noch etwas weiter greift, als, sagen wir, selbige bspw. der Neptunes inkl. ihrer Vorlieben für 70’ies Prä-Pop der Marke Steely Dan. Während Letztere alsdann doch immer wieder zu gewissen Teilen den Einschreibungen eines gewissen, verkäuflichen Mainstreams folgen, was hier nicht negativ verstanden werden will, wandeln Dälek ihre Influenz-Verzweigtheit ein um das andere Mal per aufbrausendem Noisebett-Bezug zu apokalyptischen Erlebnisberichten, die selbst den Bruder im Geiste Sensational oftmals wie einen netten Burschen dastehen lassen. Immer wieder verblüffen die beiden mittels eines atemberaubenden Vexierspiels zwischen düsteren Alptraumfantasien und Meeren echofizierter Wohltöne. Bei ihrem aktuellen Titeltrack meistern sie dies am Aufsehenerregendsten, wenn deren exponiert-schattiger Avant-Pop-Hop zum Ende hin in eine wahre Manifestation des flächigen Schönen in der Musik mündet, die selbst einstige, themenimmanente Granden des 4AD-Universums nicht ereignisreicher hätten vollziehen können. Hier erlebte ich einmal mehr Musik als unwiederbringliches Glücksmoment. Also doch irgendwie auch Lynch-Spätwerk, nur anders herum. Irgendwie halt.
So fühle ich mich, wenn wir noch einmal auf dem HipHop-Planeten zwischenlanden, inmitten all dieser Komponentenklebe und Breakvielfalt, auch und gerade an die End-80er Losgelöstheit eines Projektes wie Michael Frantis Beatnigs erinnert. Nicht die schlechteste Hausnummer, möchte ich meinen. Die Düsterkeule gab sich dereinst allerdings nur halb so groß wie jetzt bei Dälek. Um Mitternacht und allein im Wald möchte man ein Gros dieser neuen Tracks wohl nicht im laufenden mp3-Player wissen. Man dürfte dann nämlich unter Umständen Gefahr laufen, sich freiwillig mit dem Gesicht zur Wand eines verwitterten Bunkers stellen zu wollen, um auf das wahrscheinlich schmerzhafte Urteil der Blair-Hexe zu warten. Das wollen wir doch alle nicht.
Umso verwunderlicher wirkt dabei die Tatsache, dass sich Däleks hierzu gelieferte Lyrics nicht oft in wohlfeilen Naturalismus- und/oder Mythenforschungs-Traktaten verlaufen, sondern mit beiden behosten Beinen auf dem Boden gesellschaftlicher Ups & Downs thronen, vor denen sich eben auch diese beiden smarten Grenzbrecher nicht abschirmen wollen, können, dürfen… Stücke wie „Paragraphs Relentless“ oder „Corrupt (Knuckle Up)“ setzen zumindest sattelfeste Subtext-Staffetten. An diesen Stellen kann uns MC Dälek dann auch überaus wütend vorkommen. Dieses überhaupt nicht „Twin Peaks“’sche Feuer nimmt man aber spätestens wieder heraus, wenn untergelegte und frisch aufgeschüttelte Sound-Schlaflager einmal mehr anmuten, als hätte Angelo Badalamenti etwas von seinem synthetischen Mahagonitisch-Jazz in des Sandmännchen Däleks Sack gegeben. Aber auch innerhalb dieser Gemächer darf man sich keineswegs sicher fühlen. So Lynch sind Dälek allemal. Das nächste kakophonische Streichergewitter oder eine weitere „Tetsuo“-artige Industrialismen-Kneippkur stellen zügigst der lasziv vor sich hin tanzenden Sherilyn Fenn, welche sich partiell vor unserem geistigen Auge wiegen darf, gleich beide Beine. Und genau diese umsorgte Zusammenführung von rhythmischem Insichruhen und dem Gesichtsaufprall nach unbemerktem Beinestellen, macht „Abandoned Language“ von Dälek schon jetzt zu einer der Platten dieses noch jungen Jahres. Das Feuer sei weiterhin mit euch.
Donis
„Abandoned Language“ ist bereits bei Ipecac/Southern erschienen.
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