Die ULME ist wieder grün – PNG-Faves auf dem South Of Mainstream 2007

Manchmal kommen sie wieder. Und dies muss nicht automatisch etwas Schlechtes bedeuten – das Beispiel ULME zeigt es mit „Dreams Of The Earth“ trefflich. Das Rezept: Einfach mal die ganz eigene Relevanz schaffen. Massiver Rock mit Hang zum Psychedelischen und dem zielgerichteten Willen zum Breitwandriff (das Unwort „Grunge“ vermeide ich mal) ist irgendwie „out of time“? Wer sagt denn so etwas? Diese Band zeigt gerne das Gegenteil; zum PNG Nummer 1-Festival in Sachen freundschaftliches Krachschlagen, dem zweiten South Of Mainstream im Gutspark Cammer beispielsweise.
1999 war es: Die bis dahin letzte Veröffentlichung „Green Growing Soul“ der drei Brüder Heesch macht via Blunoise die Runde. Danach versank der Name ULME irgendwie in der Versenkung. Naja, stimmt so eigentlich nicht: Eigentlich schoss sich die Band mit einem gewaltigen Urknall in die ewigen Rockerannalen. Mit allem Drum und Dran – einer handfesten Prügelei unter Brüdern und dem grundlegenden Gefühl, sich gegenseitig tierisch auf den Wecker zu gehen. Kann ja auch mal passieren.
Lassen kann man’s aber trotzdem nicht. Dieses Ding mit dem Rocken. Dem auf der Bühne stehen. Und dem Musikmachen und zwar mit dem Fokus auf „Musik, die man persönlich selbst einfach nur gut findet“. „Ich denke, mit der Musik ist es wie bei jeder anderen Kunst – wenn man sie ernsthaft und mit Leidenschaft betreibt wird sie Teil von einem und somit Teil des eigenen Lebens. Ein Künstler hat eben den eigenen Antrieb sich auszudrücken. Er muss es tun, um einigermaßen zufrieden zu sein“, erklärt Arne Heesch auf die Motivation, nach sieben Jahre Pause mal eben so weiterzumachen. Gerade so, als habe es die ganze Nummer im Jahr 1999 überhaupt nicht gegeben. Und die ganze Zwischenzeit ebenso wenig – zumindest in musikalischer Hinsicht. Nach dem hurtig eingespielten Appetizer namens „The Glowing“ im letzten Jahr legen ULME nun eine Platte vor, die all die ganzen gitarrenschwingenden Trends ganz simpel ignoriert. Was haben wir da nicht alles erlebt: Coole Kids mit hippen Frisuren beispielsweise, deren Musik vor lauter Coolness kaum noch gehen konnte. Und mit ein paar simplen Riffs und ein paar Songs an der Grenze zur Debilität den coolen Rocker abgeben. War ja mal eine Weile ganz lustig, dieses reflektionsfreie Auffe-Fresse-Geben. Dieser Rock aus dem Hochglanzkatalog. Dieses ganze Coolness-Ding, bei dem das Outfit und der richtige Habitus am Start sein musste – der Rest ergab sich von ganz allein. Nur hängen mir langsam die ganzen Turbojugendlichen ein wenig zum Hals heraus: Scheiß-Musik bleibt Scheiß-Musik, auch wenn sie von einstigen Helden zu Gehör gebracht wird. Und die Halbwertszeit ist gnadenlos abgelaufen.
ULME waren freundlich genug, auf diese Punkte nachhaltig hinzuweisen: Die sind zum Teufel ganz und gar nicht cool. Überhaupt nicht stylish. Und schon gleich gar nicht distanziert. Selbstzerstörung funktioniert ja schließlich ganz anders. Am besten absolut nach innen. Und sie hat immer etwas mit Emotionalität zu tun. Bei Gott – wie habe ich genau diese Emotionalität vermisst! „Dreams Of The Earth“ tanzt genau und traumwandlerisch auf diese schmalen Kante zwischen der massigen Größe von Breitwand-Noiserock und beinahe schon paranoiden Zerrissenheit, Melancholie, Hoffnungslosigkeit. Und ULME haben eben genau den Mut, den es braucht abseits jeglicher strategischer Kalkulation dieses Ding gnadenlos durchzuziehen – bis hin zu Sequenzen, die einem wie mir, der den hypnotischen Effekt stetiger Wiederholungen und der sich daraus ergebenden Spannungsamplituden aus der elektronischen Musik sehr zu schätzen weiß, das Herze im Leibe lachen lassen. Die aber – im Umkehrschluss – meilenweit weg sind von einem Mainstream-Rockverständnis, aus dem heraus der Band genau dieser so wertvolle Punkt vorgeworfen wird. „Über Aktualitäten mach ich mir überhaupt keine Gedanken. Das wäre fatal, es würde das Ergebnis und den Prozeß verfälschen. Alles, was mit Herz und Leidenschaft gemacht ist und auf den Punkt kommt ist irgendwie ‚zeitlos’. Es geht um Individualität, die ist immer ‚zeitlos’.“
Das Risiko ist da. In jeder Hinsicht. ULME lassen die Hosen runter. Kompromisslos. Musik wie diese geht wirklich ans Eingemachte – dies kann man regelrecht greifen. Ich bin dem „Unwort“ nicht ohne Grund ausgewichen: Zu oft wurde hier Emotionalität mit Weinerlichkeit und Waschlappentum verwechselt und machen wir uns mal nichts vor – hier wurde der Grundstein gelegt für eine Alternative Nation, die uns das aktuelle „Gebrauchs-Rock-Musikverständnis“ beschert hat. Und wie es scheint, hat die Band den richtigen Aggregatzustand auch noch nicht gefunden: Alles bis dato eher flüssig. Arne und Jan-Erik Heesch (gemeinsam mit Bassist Tim Liedtke an der Stelle von Gunnar Heesch die Keimzelle der neuen ULME) sind offenbar nach gut zweieinhalb Jahren erneut an dem Punkt „Gegenseitig maßlos auf die Nerven gehen“ angekommen. Es soll dennoch weitergehen, mit einem neuen Drummer. Ich jedenfalls drücke unbedingt die Daumen. Ich will die sehen. Am 7. und 8. September auf dem South Of Mainstream. Nicht nur, weil mir aus sicherer Quelle zugetragen wurde, hier Großartiges erwarten zu dürfen. Freund Kanzler hätte es mit diesem wunderbaren Festival zudem auch allemal dicke verdient.
South Of Mainstream – 7. und 8. September im Gutspark Cammer außerdem mit Unsane, Shit And Shine, Ostinato, Orange Goblin, Chrome Hoof u.a.m.
www.southofmainstream.de
Schnulf wrote:
Moin mein lieber Freund,
eine sehr schöne Beschreibung von dem, was diese Scheibe in einem bewirken kann. Unter anderem dafür habe ich Dich lieb.
Gruß Der Schnulf
P.S. Ich freue mich aufs Festival in Cammer
Posted on 13-Aug-07 at 11:48 pm | Permalink