Cuba Missouri - Things I Wish I Had Not Called Just Things … und ein paar (vorerst) letzte Reviews, die wir nur halb im Ernst meinen

cuba.jpgCuba Missouri tragen schwer an der zermürbenden Besinnlichkeit, der erschöpfenden Melancholie, die einen mit der Erkenntnis überkommt, dass nichts, das der Gegenwart so schmerzlich fehlt, aus den Erinnerungen heraus wieder greifbar werden kann - all those beautiful things we wish we had not called just things. Der Klapptisch, an dem man als Kind seine Hausaufgaben abschreiben musste. Die olle Wanne in der Waschküche, in der das Abwasser gesammelt wurde, auf dem man seine Schiffchen fahren lassen konnte. Das Puppenhaus, dessen Wände man nach ein paar Wochen schwarz angestrichen hat, und in welchem man anschließend den kleinen Bewohnern die Beine brach und die Haare ausriss. Der klapprige Rollstuhl der Großtante, mit dem man auch im Hochsommer den Berghang hinunterdonnern konnte, während die senile Alte von ihrem Bett aus die Flecken auf der Tapete zählte, überall wo sie ihren Eintopf rangeworfen hatte. Das alles, und nicht zu vergessen, der Kugelschreiber, den man seiner Banknachbarin in der zweiten Klasse in den Oberschenkel gerammt hat, das alles sind Dinge, die nicht mehr sind. Nicht mehr als nur Erinnerung, blöde, quälender Belag auf dem Gemüt, der zu nicht mehr taugt, als zu traurigen Songs. Nicht mehr als Musik, so ätherisch, so unsolide … nur substanzlose Musik, die man einfach so ausschalten kann, wegmachen, wenn sie einen nervt. Ohne die Dinge von Früher ist man impotent. Wen verwundert der Schmerz, wen verwundert die Verzweiflung, die immer im Schlepptau dieser Gewissheit herangekrochen kommt, wer wünscht sich nicht, die Dinge nicht nur wie Dinge heruntergewirtschaftet zu haben. Sorgsam, wie Freunde, hätte man das alles behandeln und sich Kosenamen ausdenken müssen: Klappi, der unbarmherzige Knechter … Wanni, die dicke Dreckschleuder … Hausi, die alte Bruchbude … Rolli, der Sommerschlitten … und Kuli, der Pfähler … aber nun ist das zu spät, und man hat nur Melancholie und traurige Songs.
(Make My Day Records)
Nico

BARK BARK BARK
HAUNTS

Eine ganz beachtliche Revue ist es geworden, die Perry Farrel hier mit Bark Bark Bark angestellt hat. Natürlich waren Fans und Fachwelt äußerst skeptisch gewesen, als Farrel Jane’s Addiction erneut zerstreute und verkündete, er würde künftig lieber mit einem Rudel wilder Hunde arbeiten … vor allem als er diese, zunächst lediglich als Schmähung seiner ehemaligen Mitstreiter interpretierten Worte wortwörtlich und tatsächlich in die Tat umsetzte. Selbstverständlich macht Farrel auf „Haunts“, dem nun vorgelegten Debüt dieses neuen, sagenhaften Projektes, fast alles alleine. Es ist aber dennoch erstaunlich, wie er – nur durch das Versprechen des Hundesnacks XXXXX der Firma XXXX (wurde editiert … wollten für die Nennung nicht zahlen, die Säcke – die Red.) - die Tiere, die sogenannten, zu so unglaublichen musikalischen Höchstleistungen verführen konnte, wie sie nun so wesentlich zu der Genialität von „Haunts“ beitragen. Besonders das Stimmvolumen von Adi, dem Lead-Kläffer, ist beachtlich, wie der sich problemlos (und plötzlich) vom unterwürfigen Winseln eines Pekinesen zum donnernden, gletschererschütternden Bariton eines Berner Sennenhundes erheben kann. Aber auch Debbie, der man, wenn sie elegant über die Tasten des Keyboards läuft, ein beachtliches Melodie- und Rhythmusempfinden zusprechen muss, gehört zu den kommenden Stars am schillernden Pophimmel. Schließlich kommt man hier wohl nicht umhin, sich einmal mehr einer sehr gebräuchlichen Floskel zu bedienen, aber tatsächlich: dort wo Nate und Snoop aufhören, fangen Perry Farrel und sein Hundeorchester gerade erst an. Nicht verwunderlich, dass die ewigen Nachahmer diese heiße Spur schon ausgeschnüffelt haben. Dog Day können sich einzig dadurch hervortun, dass sie auch zwei Kätzchen dabei haben. Obwohl sie das blöderweise, wohl aber in der Natur des diskriminierenden Trends, einfach mal so unterschlagen.
(B: Retard Disco; D: Tomlab)
Nico

THE NATIONAL
BOXER

Nein, The National haben sich nicht auf einer Pro-Iran-Kriegs-Demo vor dem Capitol kennen gelernt. Es gibt die Band ja schon viel länger als die Bush Regierung, ganz erheblich länger. Damals, als die fünf Klassenkameraden beschlossen, gemeinsam Musik zu machen, war noch nicht mal an das legendäre Celebrity Death Match von Hillary Clinton und Monica Lewinsky zu denken. Außerdem sind National Australier (und sie haben dort nachweislich und amtlich verbrieft die Kinderkrippe von Mick Harvey, dem Lebensgefährten von Nick Cave, besucht). Es ist schon erstaunlich, wie hartnäckig sich selbst die absurdesten Gerüchte halten, ganz besonders die. Je absurder desto hartnäckiger. „Boxer“, um nun in wahrscheinlichere Gefilde vorzudringen, ist mindestens genau so gut wie jedes Album von The Willard Grant Conspiracy, Tindersticks und Black Heart Procession, auf dem Sebastian Bach bereits gesungen hat, bevor er nun zu The National stieß, um deren eskapistische Hymnen an eine Welt jenseits allen irdischen Schmerzes mit seiner unvergleichlichen Stimme der Ewigkeit anzutragen. Sollte man haben, für die vielen Sammler des gesamten Bachschen Schaffens ist „Boxer“ ohnehin unerlässlich.
(Beggars Banquet)
Nico

THE AUDIENCE
CELLULOID

Das Problem der dritten Generation verkehren The Audience in Wut und ihre mitreißende Stärke. Ein ganz kleines Licht in Brooklyn und von den älteren Punkern, die sich während der vorlesungsfreien Zeit und manchmal auch während der Mittagspause an den Straßenecken von Williamsburg auf eine schnelle Zigarette treffen, nicht einmal mit einem angelutschten Marlboro-Filter bedacht, haben sie alles ganz von allein geschafft. Gezielt begannen The Audience Veranstaltungen wie „Rauchen gegen die Unterdrückung“ durch ihr deutliches Desinteresse in Frage zu stellen, und alsbald machten sie gar ihre Bandproben öffentlich - schnell erfreuten sich diese Sessions einer sagenhaften Beliebtheit. Denn da lag in der Luft was im blauen Dunst um die älteren Musiker des Viertels nun fast völlig fehlte – The Audience umgab eine Aura des Aktionismus, die nur noch dichter wurde, als sie detaillierte Skizzen und Pläne anschlagsgefährdeter Gebäude zu Songs verarbeiteten … besonders „JFK“ brachte es auf massive Downloads, und beinahe über Nacht waren The Audience richtig big in Nordwest-Afrika und Pakistan (wo es ihnen sogar gelang, Nusrat Fateh Ali Khan für einen halben Tag von seiner ewigen Pole Position der Charts zu drängen). Indes: ihrer Popularität im repressiven US-System war dieser Erfolg in Übersee nicht wirklich zuträglich. Freunde und Fans wurden genötigt sich von ihnen abzuwenden. Glücklicherweise aber hatte der US-Faschismus seine Rechnung ohne die eigenen Streitkräfte gemacht. Als Militärpost getarnt und völlig unbehelligt gelangten The Audience nach Wiesbaden, wo sie binnen nur weniger Tagen an zwei umtriebige deutsche Labels vermittelt werden konnten. Zwar soll die Ablöse enorm gewesen sein, aber diese Labels, Hazelwood und Rewika, können nun darauf hoffen, die immer unwesentlicher gewordenen Absatzzahlen in Europa über den Nahen Osten zu kaschieren. Den dortigen Marktzwängen geschuldet erscheint „Celluloid“ nur als Magnetband-Kassette und auf Karaoke Video-CD, diese aber mit tollen, ungesehenen Aufnahmen aus den Schaltstellen US-amerikanischer Macht und einem spaßigen Urlaubsvideo aus den baluchistanischen Trainingscamps als Bonus.
(Rewika/Hazelwood)
Nico

Viele weitere halbwahre, ganz und gar verlogene, schludrige, dreiste und einfach nur schlechte Texte und Reviews im “Lügen”-Teil der immer noch aktuellen PNG 72 … für unverschämte 6,00 Euro am Kiosk (und in unserem online-shop) … oder in diversen kostenlos rumliegenden Blättern im Medienmarkt, bei MacDonalds und in der Kiez-Boutique.

PNG 73, diesmal mit megaschwerem Comic Special, kommt nächste Woche aus dem Druck und dürfte zuerst auf dem Haldern Festival abzugreifen sein … bevor es ab der Folgewoche an den Kiosken und hier im Shop erhältlich sein wird. Mehr Details … in Kürze.

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