Ich habe Gott gesehen Philip “Fil” Tägert

Ja, ich habe ihn wirklich gesehen, den Gott. Denn eines ist ganz klar: FIL ist Gott. Die einzige Chance, noch an das Gute zu glauben auf dieser Erde ist die simple Geschichte, in diesem Menschen die Inkarnation des wissenden, sehenden und erkennenden Gottes zu definieren. So einfach können lebensrettende Philosophien manchmal sein.
Meine erste Begegnung mit Gott ist schon wirklich viele Jahre her. Es mag jetzt nicht sonderlich hipp, groovy oder gar sexy klingen, wenn ich davon berichte, dass ich Gott in Erlangen getroffen habe, doch es ist nun mal die reine, ungefilterte Wahrheit. Erlangen hat ja zumindest hin und wieder eine magische Anziehungskraft für Menschen, die bereit sind, nach den wesentlichen Dingen des Lebens auch an ungewöhnlichen Orten zu suchen. An Orten, die bevölkert sind von Bildgeschichten. Kurz gesagt: Es muss der 92er Jahrgang des Comicsalons gewesen sein, der mich dazu brachte, meinen schnuckligen weinroten Opel Kadett zu besteigen, schweren Herzens ein Wochenende im Zelt ins Auge zu fassen und den Weg von Südthüringen in das bayerische Ausland zu wagen. Dort wartete nicht nur eine große Halle voller Nerds, Freaks und anderweitig Geschädigter (die jungen Manga-Damen, die zur allgemeinen Auflockerung via Niedlichkeit hätten beitragen können, gab’s damals noch nicht), sondern auch eine Abendveranstaltung, deren Genuss ich mir nicht entgehen lassen mochte. Unbedarft und ohne rechte Vorstellung, was mich da nun eigentlich erwartete, ließ ich zunächst allerlei Dinge über mich ergehen, deren Sinn sich mir nicht erschloss. Menschen suchten vor Publikum nach der eigenen Witzigkeit und pflegten daran gerne grandios zu scheitern. Nichts Besonderes. Bis ein Mensch auf die Bühne trat, groß und schlaksig, sagt mir meine schemenhafte Erinnerung. Um Freude und beinahe schon allumfassende Glückseligkeit zu verbreiten. Wir lagen uns in den Armen und lachten aus vollem Halse. Ich weiß es wirklich nicht mehr, was uns FIL an diesem schönen Abend in irgendeiner von diesen 1000 gleichaussehenden Hallen des Landes zum Besten gegeben hatte. Aber es war wirklich eine Verheißung, eine Verheißung darauf, dass es wirklich einen Humor geben kann, der sich würdevoll erhebt über die niederen Instinkte des gemeinen Lachens. Wir hatten das Licht gesehen. Und ich war so überhaupt nicht darauf vorbereitet, diesen Moment erleben zu dürfen. Vielleicht hätte ich ihn gerne intensiver ausgekostet, mir ein wenig mehr mitgenommen für die Ewigkeit. Aber eigentlich war es nicht wichtig: Wichtig war diese Begegnung, war die Tatsache, dass ich benebelt von diesem Erlebnis und – zugegebenermaßen – dem ein oder anderen Liter Bier mit einem glücklichen Lächeln ins ungeliebte Zelt kroch und mir tags darauf am Stand von Reprodukt alles kaufte, was ich von Philip Tägert nur finden konnte.
So viel zur Legende. Aber diese Legende ist Wirklichkeit. FIL ist ein exzellenter Entertainer (als Fil & Sharkey aktuell zu erleben in Berlin), ein Musiker noch dazu (zwei CDs sind von ihm zu bekommen – „Drum & Bass“ und „Life Against Death“, die via Rainer Records veröffentlicht wurden) – die beste Waffe in seinen Händen (wenn ich dies mal so martialisch formulieren darf) bleibt aber nach wie vor der Zeichenstift. Philip Tägert ist ein echtes Unikat, ein Typ, der via Comics seine ureigene, seine ganz individuelle, seine auf den Leib geschnittene Ausdrucksform gefunden hat. Ein Kerl mit einem unverwechselbaren eigenen Stil. Ein Mensch, der in der Lage ist, Figuren zu schaffen, die ein ebenso verrücktes wie unnachahmlich logisches Eigenleben entwickeln. Reden wir doch mal von Dieter Kolenda und Andreas Stullkowski aka Didi & Stulle. „Einen drin“ hieß das schmale A4-Büchlein, das ich mir unter anderem kaufte. Die ersten Abenteuer der beiden Typen, die gerne mit dem Begriff „Subproletariat“ beschrieben werden. Zwei Archetypen, wie sie wohl nur Großstädte im allgemeinen und Berlin im besonderen hervorbringen können. Der große Doofe, gesegnet mit einem unzerstörbaren und garantiert nervziehenden Glauben an sich selbst. Das Schwein (es ist wirklich ein Schwein, wie Stulle auch) ohne den Hauch von Peilung. Das Trampeltier auf der Mission, Irrsinn, Terror und Wahnwitz zu verbreiten. Und daneben der kleine Verklemmte, der eigentlich genau jenen Durchblick hat, der dem großen Doofen vollkommen fehlt. Und der mit all seiner Klugheit immer wieder scheitert an der verqueren, aber machtvollen Logik, mit der sich das Trampeltier einen Weg durch das Leben pflügt. Der arme Kerl, der sich ebenso permanent wie ohnmächtig unter dem ständig schwebenden Damoklesschwert „Homosexualität“ hervorstehlen möchte – was natürlich vollkommen sinnlos ist, wenn man einen Freund namens Didi hat. Es wäre an sich schon eine Leistung, sich diese zwei Kerle auszudenken.
Nun belässt es FIL nicht dabei (wie übrigens in seinen anderen Comics auch – ein Büchlein wie „The Return Of Ernst“ behandle ich nach wie vor mit einem beinahe ehrfürchtigen Respekt): Sinnfreien Irrsinn zu produzieren kriegt man schon mal hin. FILs philosophischer Entwurf (der sich nun mal in den Figuren Dieter Kolenda und Andreas Stullkowski am besten manifestiert) läuft dagegen mehr und mehr darauf hinaus, einer undurchschaubaren Logik des Weltenlaufs eine eigene, mindestens ebenso undurchschaubare Logik entgegen zu setzen. Stopf den gewöhnlichen Alltag in den Chaos-Beschleuniger und dann ab dafür – doch nie den logischen Zusammenhang aus den Augen verlieren. Welche irrwitzige Perfektion dieser Prozess inzwischen erreicht hat, zeigt sich wohl am vortrefflichsten im direkten Vergleich zwischen „Einen drin“ und dem sechsten Didi & Stulle-Band „Der Plan des Gott“: Mit welch unerbitterlicher Konsequenz und Folgerichtigkeit aus einem gepflegten Absturz mit Verteidigungsminister Peter Struck an der Imbissbude eine grundlegende Verwirrung der Verhältnisse wird, ist schon hochgradig beeindruckend – und nicht zuletzt enorm komisch. Und zwar komisch ohne Plattitüden, auch wenn FIL keinen noch so simpel erscheinenden Witz am Wegesrand liegen lässt. Einfach nur komisch im Hinblick darauf, dass es vermutlich wirklich eine Parallelwelt gibt, in der die verquere und seltsame Logik eines Didi wahrhaftig funktioniert. Mal abgesehen davon ist die grundsätzliche Annahme, die Welt und das Leben nicht ernst zu nehmen, weil man von selbigen auch nicht ernst genommen wird, ja schon mal eine prima Ausgangsposition.
Philip Tägert ist so einer, der sich überhaupt nicht so richtig einordnen lässt in den Comic-Kosmos. Klassische Funnys – sprich pure Spaßcomics – sind seine Werke ja nun wirklich nicht: Zu intensiv brüllen die ausufernden Dialoge der Protagonisten zu sehr danach, gelesen, bewertet und verstanden zu werden – und wenn ich sage lesen, dann meine ich auch lesen. Wer FIL-Comics einfach nur durchblättert, weil der Style halt irgendwie an Funnys gemahnt, verpasst wesentliche Dinge, der arme Tropf. Und wer – gestählt vom tiefgründig intellektuellen Comic-Diskurs und durchsogen von der Erkenntnis, dass es sich dabei um Ästhetik und Kunst handelt – die Nase entschlossen rümpft ob der scheinbaren Simplizität des FIL’schen Zeichenstils, hat auch nix geschnallt. Und wie der es drauf hat: Das Teufelchen Sabine, das den Didi’schen Neugott derart sexy findet, das sie ihn am liebsten in sich spüren möchte, ist einer ganz typischen Art und Weise niedlich, das es einem beinahe die Beine wegzieht. Fil atmet Einzigartigkeit: In Form, Inhalt und Thematik – weit weg von der Verhandlung der üblichen Verdächtigkeiten zwischen Superhelden (auch wenn Didi & Stulle irgendwie auch Superhelden sind, nur halt völlig anachronistisch und haltlos anarchisch), dem Spiegeln von Szene und Musik (auch wenn der stets wissenden Hans Mentz von der exzellenten Titanic-Humorkritik ganz richtig das Wesen des Punk im Handeln und Tun des Philip Tägert erkannte – auch wenn es inzwischen auch Punk-Definition ist, die über das zeichnerische Äquivalent des „Der-Akkorde-Für-Ein-Halleluja“ ebenso weit hinausgeht wie das Schaffen von – sagen wir mal – NoMeansNo), der puren Witzischkeit als ewigen Geisel des Genres oder der bleischweren Last literarischer Ambitionen (auch wenn sich in diesen Stoff eine Menge hineininterpretieren lässt – beispielsweise über das hochinteressante Thema der reinen Unmöglichkeit von Kommunikation auf der Basis eineindeutigen gegenseitigen Verstehens). Irgendwie steckt von allem etwas drin in diesem FIL, nur eben auf eine Art und Weise, die nicht den gewohnten Erwartungshaltungen entspricht. Bleibt zu hoffen, dass der Zeichenstift und die Fantasie des Philip Tägert noch eine Weile in Gang bleiben – auf das wir uns noch über möglichst viele Didi & Stulle-Comics freuen dürfen.

Die mittlerweile sieben Bände von „Didi & Stulle“ sind via Reprodukt zu bekommen – im Mai ist Teil 7, „No More Mr. Nice Guy“ (hatte ich schon erwähnt, dass diese Comics ein wahres Fest- und Feuerwerk an Popkultur-Reminiszenzen sind? Mit Gastauftritten von David Bowie und Iggy Pop beispielsweise? Nein? Sei hiermit getan), erschienen. Ansonsten kriegen die Berliner in schöner Regelmäßigkeit One-Pager im Zitty zu sehen, die Säcke. Und angucken können sie sich FIL & SHARKEY-Show auch noch – wenn ich nur mal wüsste, womit diese Stadt diese Dinge verdient hat.

marieke wrote:
also, wenn dit nicht dit beste war, wat ick je übern FIL jelesn hab…
gestern war ich in der aktuellen FIL & sharkey show und habe mir ebenfalls auf subtilste art und weise fast in die hose gemacht vor lachen.
sehr schöner artikel, der genau die ungreifbarkeit des schauen phils ausmacht: exzellenz!
Posted on 11-Jan-08 at 8:27 pm | Permalink
Der Schubidi wrote:
also wie macht man sich den auf subtile Weise in die Hose? Mit Windeln? Subtile Lachen wäre jedenfalls Grinsen, denk ich mal.
Was ich damit meine: Sah Sharky & Fil selbst vor einiger Zeit Live. Das schöne daran fand ich ehrlich gesagt, dass es so wenig subtil zu ging. Eher schön albern.
Posted on 19-Dez-08 at 9:16 am | Permalink