Velvet Glove, Iron Fist Emily Haines

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“Wenn es weniger bedrohlich aussieht, sind die Leute meist aufgeschlossener gegenüber Musikerinnen”, sagt Emily Haines. Sie muss es wissen, denn sie hat gerade ein Soloalbum der leisen Töne veröffentlicht. Eine Stimme, ein Piano, und ein paar introspektive Songs. Da ist man dann schnell dabei, in der Reihe der üblichen Verdächtigen, die die “Marketingmethode Klavier” für sich entdeckt haben, wie sie sich ausdrückt.


Emily Haines ist sich nicht sicher, ob so ein feudales Tasteninstrument tatsächlich Seriosität oder vielleicht Verletzlichkeit vermittelt, und vom Authentizitätsfetisch hält sie auch nichts. “Ich weiß nur, dass sowohl auf dem Piano, als auch auf der Gitarre eine Menge Selbstdarsteller tätig sind, die außer dieser Künstler-Geste nicht viel zu bieten haben. Und dann gibt es so Leute wie Carla Bley. Man findet sie, wenn man sie sucht.” Carla Bley ist eine Jazzkomponistin und ein Idol von Haines, die sich ihrerseits sowohl in Interviews als auch auf Konzerten gerne über ihre Vorbilder und Einflüsse unterhält. Die Pianistin Bley, den Songwriter Robert Wyatt, den Filmemacher Guy Maddin. Geistesverwandte. Alles keine einfachen Menschen, nicht sofort zugänglich vielleicht, und unter Umständen auch nicht direkt “weniger bedrohlich”.

Aber mit der Bedrohung ist das sowieso so eine Sache. Der Witz mit der Deathmetalband, die doch nur über Gartenbau singt, ist vielleicht nicht mehr ganz so neu, aber der umgekehrte Fall dafür immer noch gewöhnungsbedürftig. Wer “Knives don’t have your Back” beiläufig und gering dosiert hört, bekommt vielleicht die Klangtapete, die er von Musik generell so erwartet. Andererseits ist es schwer vorstellbar, dass der Effekt dieser Platte irgendwie verpuffen könnte, selbst wenn man kein Wort Englisch versteht. Denn da sind ja noch diese ungewöhnlichen Melodien, gebadet in Moll und gewickelt in Hall, der klingt wie von den äußeren Enden des Universums importiert. Da ist diese Stimme, die ständig um ein Flüstern bemüht zu sein scheint, aber nicht verstummen will. Eine Stimme, wie man sie sich von den sagenhaften Sirenen vorstellt. Und dann sind da eben noch die Texte. Emily sagt, sie “achte darauf, in welchem Kontext meine Texte auftauchen. Ob auf einem Metric-Album, oder auf einem von mir.” Darüber hinaus ähnelten sich die Lieder schon allein deshalb, weil sie dieselbe Autorin haben. Und ein übergeordnetes Thema haben sie auch: “Bei ‘Live it out’ war das das Ausgehen, seine Konsequenzen und vielleicht die Perversität des Nachtlebens im Allgemeinen. Und auch das Soloalbum handelt von Konsequenzen. Von den Konsequenzen, wenn man sich treiben lässt, oder mit Fremden mitgeht.” Haines lacht, aber die Lieder selbst sprechen eine andere Sprache. “There’s a new Crime: sexual Suicide”, heißt es in “Lottery”, und dann: “Let’s commit it.” Das klingt traurig, widerspenstig und verschossen glamourös gleichzeitig. Und natürlich auch mysteriös. “Meine Songs sind auf ewig zur Interpretation freigegeben”, sagt Emily, „aber natürlich weiß ich selbst genau, was sie zu bedeuten haben. Das sind in der Regel aber auch schon immer ungefähr drei Bedeutungen, für mich also auch sehr interessant.“ Dieses Mysteriöse, das einem trotzdem merkwürdig vertraut vorkommt, ist ein Markenzeichen von Haines’ Musik. Die Töne selber klingen dabei oft wie das Echo aus einer fernen Kindheit, die Texte verwirren mit irritierenden Bildern von Spionen, Polizisten und gesichtslosen Autoritäten. Haines sagt, das Heranwachsen sei tatsächlich eine Inspiration für die Platte gewesen, und dass das Songschreiben schon seit jeher mit das einzige war, das ihr leicht von der Hand ging. Das Album stünde durchaus in der Tradition des „Geklimpers“, das sie als Kind auf dem Klavier veranstaltet hat, erzählt gleichzeitig aber auch von „Entfernung“ und dem Versuch, sich in der Welt zurechtzufinden. “Es fällt mir schwer, das Private und das Politische dabei zu trennen. Die Welt ist auch nicht in solche Kategorien aufgeteilt. Sobald man aufwacht, ist man in der Realität. Krieg, Gier, Macht. Es ist gerade eine ziemlich hirnrissige Zeit, in der wir leben, aber ich bin ziemlich sicher, dass die Leute das während des Vietnamkrieges auch so empfunden haben.”

Dementsprechend präsent ist die Thematik nicht nur auf “Knives don’t have your Back”, sondern auch in den Songs von Metric. Die elegante Rockband ist auch immer noch ihr Hauptjob und muss mit etwaigen Soloausflügen koordiniert werden. “Es gibt trotzdem keine Konkurrenzsituation zwischen Metric und mir. Allerdings mussten wir tatsächlich einen regelrechten Schlachtplan aufstellen, um meine Soloauftritte zwischen die Studioaufenthalte mit Metric zu legen. Und auch die Stückelung der Veröffentlichungsdaten ist darauf zurückzuführen.” Über die Aufnahmen zur neuen Band-LP sagt sie bloß, dass sie “aufgeregt” darüber sei, und dass das Album wohl im Winter fertig wäre. In der Zwischenzeit wird es noch eine Solo-EP geben und die Wiederveröffentlichung der ersten Metric-Platte. Aufgrund der großen Nachfrage.

Text und Photo: Roman Jansen

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