Wie wichtig sind die Schmeicheleien? Jens Friebe

friebe.jpgDas erste Mal bin ich im Leipziger Superkronik, welches so schöne, zur Arroganzia- Sitzhaltung einladenden Sessel hat. Mein erster Auftritt im Reich der, wenn auch unbezahlten, so zumindest danach ausschauenden Ernsthaftigkeit: als Agent der Presse. Später fragt mich jemand, ob man mich kennen müsste. Ich lache nur. Unbedingt.
Als es noch leer ist, laufe ich da rum wie ein streunender Hund und trinke vor Unschuld und Haltlosigkeit ca. zehn Bier zum Warmwerden. Jens Friebe wird heute Abend lesen und muss mir anschließend Fragen beantworten. Die Lesung hat das bei Kiepenheuer und Witsch herausgegebene Buch „52 Wochenenden“ zum Gegenstand. Die Dichte der Späße und der elegant-treffenden Weisheiten eignet sich, wie sich herausstellt, hervorragend, das Schenkelklopfen der begeisterungsfähigsten Besucher nicht abreißen zu lassen. Nachdem der letzte Satz gelesen und der Harndrang gestillt ist, sitzen wir uns gegenüber. Das Kostüm des richtig echten Erwachsenen passt mir noch nicht so ganz. Was mir jedoch an Souveränität und Geschick fehlt, bügelt Jens Friebe mit Beschwichtigungen und Charme sauber und glatt, so dass es schließlich sogar zu einem Austausch von vollständigen und grammatisch nahezu korrekten Sätzen kommt.

Meinst du es liegt an der Zusammenarbeit mit Chris Imler, dass dein neues Album so unglaublich an Wumms gewonnen hat?

Ja, ja, auf jeden Fall. Wir haben ja seit „In Hypnose“ live miteinander gespielt und vieles klang live einfach besser und energetischer. Die gleiche Energie wollte ich dann auch auf Platte haben. Darum holte ich den Chris dazu, um auch mehr Geschlossenheit in die Produktion zu kriegen, die ich in den ersten zwei Alben nicht hatte. Da war die Idee, dass wenigstens ein Instrumentalist von Anfang an mit dabei ist. Übers Schlagzeugspielen hinaus war Chris dann auch beim Arrangieren der Stücke mit dabei. Eigentlich sind die Arrangements zu gleichen Teilen von Berend (Intelmann), dem Produzenten, Chris und mir.

Ich habe den Verdacht, dass die Qualität deiner musikalischen Ergüsse zu großen Teilen der Texte herrührt.

Ich werd immer als textlastiger Künstler wahrgenommen. Bei Tocotronic ist das ja auch so. Da reg ich mich leicht drüber auf, wenn nur über die Texte geredet wird. Ich glaube aber, das ist okay so; wenn man auf Deutsch singt, wird man eben am ehesten über den Text rezipiert. Trotzdem glaube ich, dass sich die Leute für meine Texte nicht so sehr interessieren würden, wäre die Musik scheiße. Bei „Gespenster“ beispielsweise habe ich viel mehr Arbeit in die Musik gesteckt, als in den Text. Ich denke, die Leute nehmen die Texte als besonders wahr, weil die über die Musik sehr aufgeladen sind, ohne es vielleicht zu merken. Deswegen nehme ich die Komplimente über meine Texte eigentlich auch als indirekte Komplimente über meine Musik, weil ich auch genauso viel Liebe in die Musik wie in die Texte stecke. Der Spaß am Ausfeilen und am Formulieren kommt bei mir eher aus dem Bereich der Hochliteratur. In der Popliteratur wird so eine Formverliebtheit ja eher abgelehnt.

Kämpfen Musik und das Schreiben in dir um die Vorherrschaft?

Die Rollen sind eigentlich klar verteilt. Das, was ich schreibe, wird der Musik eigentlich nie im Weg stehen. Wenn irgendwas irgendwem in die Quere kommt, dann ist es eher die Musik.

Besprechungen zu deiner Person und deiner Musik sind häufig von einer Art Unnahbarkeit und Entrücktheit geprägt, die an Mystifizierungen grenzt. Liegt das an den Texten, die ja nicht so intimen Geständnischarakter haben, sondern eher erzählen?

Ich versuche schon Direktheit mit hineinzubringen, direkte Ansprache zum Beispiel. Ich versuche das im Gleichgewicht zu halten, dass einerseits so etwas Ornamentales, Erhabenes entsteht und andererseits die Unmittelbarkeit nicht verloren geht. Gut, man kann den Leuten aber ja nicht vorschreiben, wie sie die Platten wahrnehmen sollen.

Was hältst du vom Medium Kunst als Medium von politischer Ideologie und Gesellschaftskritik? Auf deinem zweiten Album spielte das eine größere Rolle, weil es dort teilweise gegen hartnäckige Unvernünftigkeiten wie z.B. Astrologie geht. Der Titel „Tanz mit den Toten“ spricht sich gegen das Verspeisen von Tieren aus. Im aktuellen Album verzichtest du auf derartige Positionierungen.

Ich glaube, es ist immer schwierig, wenn am Anfang eines Songs der Wille steht, eine Idee zu vermitteln. Es passiert natürlich, dass man sich als Mensch über verschiede Sachen Gedanken macht und sich auch positioniert. Als Künstler versucht man dann, Songs zu schreiben, die davon auch was transportieren. Das kann bei sehr politischen Menschen eben auch auf sehr engagierte Weise passieren. Dass das auf dem aktuellen Album nicht mehr so ist, entspringt weniger einem Umdenken, sondern es werden einfach bestimmte Gedanken, die man sich macht, in die Musik mit aufgenommen und dann kann es passieren, dass Protestsongs entstehen, wie „Deutsches Kino“. Grundsätzlich meine ich, dass man vorsichtig mit politischen Aussagen umgehen sollte, weil es leicht peinlich werden kann, wenn man seine Essays singt. Man muss aber auch zugeben, dass es auch verschiedenen Leuten gelingt, Meinungen und Kunst zusammenzubringen. Es ist halt schwierig und man sollte es nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Du machst Musik, schreibst für die Intro, bringst ein Buch raus. Malst du? Machst du Sport?

Ich bin ein sehr schlechter Sportler. Die Zeichnungen in dem Buch sind aber von mir. Das Talent dafür kommt noch aus der Schule, wo ich aus Langeweile in meine Hefte malte. Ich würde mich jetzt aber nicht als Zeichner oder Illustrator verstehen. Wenn die Frage ist, was ich sonst noch so mache, dann spiele ich noch in anderen Bands, Schlagzeug bei Britta, früher Keyboard bei Maxi Hecker.

Dietmar Dath kotzt in seinem Vorwort zu „52 Wochenenden“ über die Blogkultur ab. Was hältst du von Blogs?

Ich find dieses Medium Blog total spannend, weil es halt so wahnsinnig wenig Anspruch und Druck gibt, denn das muss ja keiner kaufen. So gibt’s eine wahnsinnige Freiheit und natürlich gibt’s durch die Demokratisierung dessen auch ganz viele beschissene Blogs. Das Medium Blog ermöglicht halt jemandem wie Rainald Goetz, das zu machen, was er gerade für Vanity Fair macht. Diese Form des Schreibens hätte es vorher gar nicht so gegeben. Das ist eben ein Genre, bei dem sehr viel drin ist.

Dass du selbst schreibst, spitzte vermutlich deinen Blick für die Qualität bei Feuilletongeschreibe. Ekeln dich schlechte Artikel über dich selbst?

Also ehrlich gesagt, lese ich auch vieles gar nicht. Grundsätzlich kann man sagen, wenns wohlmeinend ist, freuts mich, auch wenn was schlecht geschrieben ist. Das ist ja manchmal ganz süß, wenn man im Stil von Schülerzeitungen besprochen wird.

Du erwähnst in deinem Blogbuch häufig einschlägige Berliner Helden. Wie wichtig sind Schmeicheleien?

Ja, also der Vorwurf der Vetternwirtschaft. Natürlich hat die Tätigkeit bei Intro anfangs eine gewisse Rolle gespielt, weil das auch einfach Freunde von mir waren. Linus Volkmann hat mich anfangs aber gar nicht akzeptiert. Da musste ich schon für kämpfen. Er ist einfach ein sehr schwieriger Typ. Er hat mich zu Beginn für einen Deppen gehalten und hat mich dann schätzen gelernt, als ich die ersten Lieder schrieb, die er geil fand. Ich musste schon was bringen, um in diese Verflechtungen zu kommen. Beziehungen allein reichen ja auch nicht, das ist ja Quatsch, daher ist der Vorwurf auch falsch eigentlich. Man lernt ja nicht absichtlich die richtigen Leute kennen und man vermeidet es halt auch nicht, um dem Vorwurf zu entgehen, man hätte sich hochgekumpelt.

Viele Künstler flüchten vor der Öffentlichkeit in die Drogensucht und in die Promiskuität. Hast du Angst vor dem großen Durchbruch?

Nee, eigentlich nicht, weil ich auch den großen Durchbruch für unwahrscheinlich halte. Es war schon harte Arbeit überhaupt über den Geheimtippstatus hinauszukommen.

Jens Friebe wurde an diesem Tag von unserem werten Herrn Weber durch Radios gejagt. Das Interesse an seiner Person ist offenbar prächtig. Sogar „Die Zeit“ widmet sich seiner Person portraitierend, wenn auch in zusammenfassender Manier mit dem „Wir nennen es Arbeit“-Bruder Holm Friebe. Es wundert nicht, denn das aktuelle Album „Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert“ ist ausgezeichnet. Musikalisch um Längen geschickter und rummsiger als der Vorgänger, textlich unverbindlicher, unverschlüsselter, weniger verklausuliert, aber auch geil, wenn nicht gar geiler.

Susanne

Am 12.11. spielt der Jens Friebe mit Band im Leipziger Ilses Erika.

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