Punk, Dreck & Gewalt Koen Mortiers “Ex Drummer”

ex-drummer_cover.jpgDer flämische Autor Herman Brusselmans hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Gesellschaft ihren Bodensatz unter die Nase zu halten. Dadurch gilt er schon längst als Enfant Terrible der belgischen Literaturszene. Kein Wunder, dass Koen Mortier keine Begeisterungsstürme auslöste, als er ankündigte, Brusselmans “Ex Drummer” zu verfilmen. Der Werbefilmer verfügt jedoch über ausreichende Beziehungen ins Ausland, um die Finanzierung seines Langfilmdebüts bewerkstelligen zu können.

Herausgekommen ist ein höchst unbequemer Film, eine Art perverser “Trainspotting”, zehn Jahre später. Sowohl auf visueller, als auch auf narrativer Ebene werden die Konventionen kräftig durchgerüttelt, viel experimentiert und gegen die Gewohnheit gearbeitet. Das fasziniert selbst den Filmtheoretiker. Auch die Figurenzeichnung weist viele Graustellen auf. Selbst der intellektuelle Dries ist alles andere, als eine vorbildliche Identifikationsfigur. Er macht keine Katharsis durch, wird nicht für seine Taten bestraft. Wir betrachten derweil das Elend voyeuristisch vom Sofa aus, sind aber doch schneller darin gefangen, als uns lieb ist. Angewidert und fasziniert zugleich, gerät der analytische Blick immer wieder ins Wanken. Das will Mortier – den Zuschauer hineinziehen in seinen Film – und das stellt er von Anfang an klar.
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Ein Mann spricht in die Kamera, als dokumentiere er seinen eigenen Untergang. Zivilisiert, ruhig, rauchend – ein Intellektueller, kein Zweifel. Dann packt er uns am Nacken und stößt uns, Nase voraus, mitten hinein in den Dreck, den Abschaum. Der Alptraum aus Gewalt, Sex und Punk beginnt mit einem Klingeln. Vor der Haustür des Schriftstellers Dries Vanhegen stehen drei Loser, kaputte Gestalten, deren Existenz die Gesellschaft gerne verschweigt. Sie sind Mitglieder einer Punkband, der Dries später den herrlich sarkastischen Namen “The Feminists” verpassen wird.

Koen, der Sänger, schlägt gerne Frauen blutig, manchmal auch tot, wenn es sein muss – und es muss manchmal sein, findet Koen. Wie ein Süchtiger holt er sich immer wieder neue Opfer in seine Wohnung, wo die roten Spritzer an der Wand von einer langen Tradition der Gewalt zeugen. Jan, der Gitarrist mit dem lahmen Arm, lebt noch bei seinen Eltern. Wenn er seine Mutter nicht gerade in Grund und Boden schreit, erniedrigt, bespuckt und quält er seinen Vater, der oben in einer Zwangsjacke ans Bett gefesselt ist. Ivan ist der Dritte im Bunde, verheiratet und Vater einer Tochter im Säuglingsalter. Auch hinter der Tür seiner völlig verwahrlosten Wohnung verbergen sich Abgründe. Seine Frau ist Alkoholikerin, er selbst kokst und das Kind spielt in der Ecke mit Verpackungsmaterial.

Diese gescheiterten Existenzen – von Dries immer wieder als Behinderte bezeichnet – stehen also vor der Tür seiner schicken Designerwohnung und bieten ihm die vakante Position des Drummers an. Die drei Figuren ekeln ihn an, seine Freundin blickt verächtlich auf sie herab und sein Schlagzeugspiel ist viel zu gut für eine schäbige Drei-Akkorde-Punkband. Aber mit einer Mischung aus Faszination für die Abgründe menschlichen Daseins und beruflicher Neugier nimmt er ihr Angebot an, um für ein neues Buch zu recherchieren.

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Dries begibt sich in die Niederungen seiner eigenen Existenz, lässt sich uneingeschränkt auf das Niveau seines Umfelds herab. Mit Prügel, Drohungen und impulsiven Ausbrüchen festigt er seine Position in der Band, die zu seiner Überraschung erstaunlich talentiert ist und eine astreine Coverversion von Devos “Mongoloid” hinlegt. Er nimmt sich vor, zu dokumentieren, nicht einzugreifen, versucht seinen eigenen Drang zu unterdrücken, dem Elend ein Ende zu setzen. Manchmal macht ihm die Hilflosigkeit zu schaffen, besonders wenn er Ivans Wohnung verlässt und ihn die Augen des Babys in den Flur verfolgen. Dann lenkt er sich mit einem Dreier daheim ab, oder hackt seinen Frust in die Tasten des Computers. Das Experiment geht ihm an die Nieren. Er will eingreifen, den Schmutz, den diese Individuen darstellen, von der Erde kratzen. Seine Frau steht teilnahmslos neben ihm, wenn er sich wieder einmal Respekt mit den Fäusten verschaffen muss. Sie kann ihm nicht helfen, die beiden trennen Welten. Der erste und letzte Auftritt der Band bei einem Talentwettbewerb in Oostende rückt näher und damit Dries’ Chance, alle Beteiligten ihrer Erlösung entgegen zu führen.

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Nachdem Regisseur Koen Mortier 100 Minuten lang den Weg dafür geebnet hat, endet dieses Finale selbstredend in einem Meer aus Blut und Kotze. Vorher spielen aber noch einige Bands großartigen Punkrock, der u.a. von den belgischen Bands Ghinszu und Millionaire kommt. Überhaupt der Soundtrack: zwei ruhige Punkte im Bilderrausch sind für Mogwai reserviert, die nervösen Bandmomente gehören Devo und mit dem unheilvollen Dröhnen von Isis fahren wir in den Abgrund. Gepaart mit außergewöhnlichen Kameraideen, wo Fahrräder rückwärts fahren und Menschen förmlich an die Decke gehen, ist “Ex Drummer” purer Punkrock: schnell, hart, extrem und verdammt lebendig.

B 2007 104 Min. R: Koen Mortier, D: Dries Vanhegen, Norman Baert, Sam Louwyck, Gunter Lamoot, François Beukelaers
Der Kölner Verleih Legend hat den Film am 15.11. ins Kino gebracht. Legend hat sich eigentlich auf den Heimsektor spezialisiert, mit so extremen, wie grandiosen Filmen von Pasolini, Larry Clark und Gaspar Noé. Für “Ex Drummer” machen sie eine Ausnahme.

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