The Spores – Doom Pop

spores.jpgIch bin noch nie gestorben. Nicht mal ein bisschen. Folglich kann ich nicht nachvollziehen, was Nahtoderfahrene über die Sekunden im Angesicht des Unterganges behaupten: dass in diesen Sekunden, überwältigend gestrafft, das ganze Leben noch einmal abgespult wird, so als solle unmissverständlich in die davon huschende Seele imprägniert werden, vor welcher jenseitigen Pforte sie sich einzureihen habe. Verdammte wichtigtuende, angeberische Distinktionsgewinnler, diese Nahtodler … als würde es nicht bereits genügen, dem Tod vom Sensenblatt gehüpft zu sein. Wie gesagt: ich bin noch nie gestorben; und was mir zum zweiten Album von The Spores an Gedanken durch den Kopf geht, unterwirft sich Bildern und Dramaturgie, die ich aus den Erzählungen von Menschen kenne, die diese Erzählungen weitergegeben bekommen haben von anderen Menschen, die einen Freund haben, dessen Bruder … kurz: ich latsche mal wieder gröbsten Schrittes auf reichlich dünnem Eis, wenn ich, obschon äußerst begeistert und wohlmeinend, die Kanadier The Spores mit ihrem nachvollziehbar programmatisch betitelten zweiten Album “Doom Pop” als grandios aufgelegte Theatertruppe umschreibe, die vor apokalyptisch aufgezogenen Kulissen gleich Musikjahrzehnte für ein vorm Jüngsten Gericht bibberndes kollektives Gedächtnis auf den Zeitraffer legt. Das Flickernflackern des letzten Films bevor das Licht angeht – heller und heißer als tausend Sonnen.

Die sagenhafte Unbekümmertheit, mit der The Spores durch Stile und Jahrzehnte Akkorde über skrupellos dicht gewebte Synthetikteppiche treiben und zu enigmatisch bezaubernden Tempeln stapeln, in denen die Vergangenheit noch einmal in überirdischem Glanze widerscheint und von deren Kuppeln eine Seraphin singt – ganz Recht: ein Engel, der gewiss nicht geschlechtslos ist, sich aber die Stimme in den Trockennebeln Südlichdeshimmels angeätzt zu haben scheint – diese Unbekümmertheit kann nur aus der Gewissheit erklärt werden, dass nach dieser Aufführung die Sintflut kommen wird, unabänderlich, dass aber jeder Akzent, der hier gekonnt verbraten wird, bereits eine wunderbare Enklave Menschlichkeit in der Nachwelt auftut, mithin welcher die Notenkanons von Himmel oder Hölle schnurzpiepegal sind. Auch zuletzt – The Spores überholen jeden Zweifel – auch zuletzt gewinnen immer wir. (SideCho/Cargo)

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