Die Rosamunde Pilcher der Videospielmusik Ampl:tude

Ampl:tude haben sich selbst eine Zwangsjacke angelegt. Sie wollen nicht mehr spielen. Zumindest nicht mehr live. Obwohl das allen gut täte, jetzt, da sie endlich Scooter covern und dafür von überall nur Lob ernten. Sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, das ist die Devise. Ein Gespräch mit 3 von 4. Namentlich Phil, Jo & Conrad.
Was ist nur los mit der Ampl:tude?
Jo: Naja, der Schalter steht gerade etwas auf Babypause. Umformatieren, aber nicht was Personal angeht, sondern eher so wie eine 3,5″ Diskette.
Oh, eine Krise! Ampl:tude macht eine Pause. Können wir jetzt mehr von euren Solonummern erwarten?
Conrad: Ja, es gibt Solo- und Side-Nummern. Matthi nimmt gerade mit seiner 2-Mann-Akkustik Band “November” auf und es wird hoffentlich bald mal wieder eine “Kid Ikarus” Tour geben. Ansonsten nutze ich die Zeit auch für eine neue Bandbaustelle und den Rest, den das Leben so bietet.
Phil: “mir2″ hat seinen Ausflug zum Techno erstmal beendet und Philipp spielt seit Neustem bei einem sehr viel versprechenden neuen Bandprojekt Stage Piano.
Conrad: Und ich glaube “Jomin Illberg” sind kommendes Jahr auch verpflichtet ein neues Album zu machen.
Wenn ihr Ampl:tude seid, was ist die Basis eurer Songs. Setzt ihr euch an ein Klavier, nehmt ihr ein Gitarre oder summt ihr nur irgendwas vor euch her. wie entsteht der Igel an der Orgel. Ein unterschied zu euren Solowerken. Und macht es mehr Spass sich an eine Platte ranzusetzen und sie zu beginnen, als sie dann irgendwann zu beenden und eine fertige CD in den Händen zu halten? Siegt der Prozess über das Ergebnis?
Phil: Bei Fragen bezüglich der Song-Genese bitte Igel kontaktieren: 555-7893.
Conrad: Die Basis der Songs sind entweder spontane Einfälle beim Proben oder manchmal schon fast fertige, strukturierte Songskizzen von einem von uns. Mal so, mal so. Ich glaube, die meisten Ideen enstehen praktischerweise an Tasteninstrumenten. Die Basis eines Songs war aber auch schon öfter ein Titel, wie zum Beispiel bei “Onkel Uhu ist krank”. “Der Igel an der Orgel” stand auch schon lange als möglicher Albumtitel im Raum und war vielleicht nicht programmbestimmend in dem Sinne, aber er hat zumindest etwas ganz anderes vorgegeben als “Auf Hören” es getan hat oder hätte. Was das Prozess-Produkt-Verhältnis angeht: ich finde, dass das finden und Zusammenfügen von Songs und das Zufriedenstellende in den Händen halten der fertigen CD zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Beide finde ich auf ihre weise super. Andererseits sind Prozess und Produkt ja so eng miteinander verbunden: Das eine bedingt das andere. Das fertige Album hat viel mit folgenden neuen Prozessen zu tun.
Wie ist das denn bei so einem Album, bei einem Song, wann wisst ihr denn da wann wie das so wird. Wieviel ist davon ein langer Weg, ein fester Plan, wieviel eine fixe idee, ein naiver Einfall oder nur one take?
Jo: Mitunter kommt einer mit einer Idee für ein Lied, einem Beat oder einer Grundmelodie, spielt das vor, die anderen probieren dazu, irgendjemand ruft “Hei fett, spiel das nochmal” oder “kannst du da vielleicht ein paar Hüllkurven runterschrauben” und so entsteht ein Lied.
Conrad: Bisher sind die Ampl:tude Alben - jedenfalls die, auf denen ich mitgewirkt habe - nicht in einem Guss, einer großen “wir schreiben jetzt ein Album” Session enstanden. Es sind Sammlungen von Songs und auszuformulierenden Ideen, die verschiedene Stimmungen und verschiedene Seiten der band wiedergeben. Beim zusammenfügen, beim aufnehmen entsteht allerdings die Symbiose und das Gesamtbild, würde ich sagen. Ich verbinde die Aufnahmen zu “Der Igel an der Orgel” sehr stark mit der Erinnerung daran wie wir bei Lichterketten-Schein abends “Darin ist er der Größte” - den letzten Song auf dem Album - aufgenommen haben. Da war so ein wohliges, dezembriges jedoch beheiztes Gefühl was für mich für das gesamte Album steht.
Ist es wichtig für euch immer wieder anders zu klingen, euch neu zu erfinden? Oder ist das nebensächlich. Hauptsache es klingt. Oder wiederum: Hauptsache es klingt irgendwie anders.
Phil: Ich finde das sehr wichtig.
Conrad: Ich auch. Aber das kommt bei uns von selbst. Zumindest bei den bisherigen 3 Ampl:tude Alben, die auf die Nachwelt überkommen sind, haben sich, wie ich finde, verschiedene Stationen der Band in Musik geäußert. Wir setzen uns nicht hin und überlegen, was wir anders machen wollen oder “müssten”. Vielleicht macht das der Einzelne für sich.
Wie lange glaubt ihr interessiert sich ein Hörer für euer Album. Also da kommt wer, kauft das, geht damit nach Hause. Und dann? Wie lange ist die Zeitspanne, die eine Platte heutzutage überdauert?
Jo: Ich kann mir vorstellen, dass man sich die Platte gerne mal aus dem Schrank nimmt so ein zwei Mal im Monat und dann lachend kopfschüttelnd davor steht. Ich kann mir aber auch denken, dass man das ganz viel hört und dann denkt “okay, reicht jetzt”, so nach ein paar Wochen. Aber ich hoffe nicht, dass das oft so ist.
Conrad: Keine ahnung. Hoffentlich lange genug, um festzustellen, ob es seine neue Lieblingsscheibe oder seine neue Lieblingsscheiße ist.
Phil: In Zeiten von 80 GB i-pods kommt die Wahrnehmung für eine einzelne Platte der Überlebensdauer eines Panzers in einer Schlacht gleich: 24 Sekunden. Wenn man sich das Album kauft, dann wird man das auch haben wollen und es auch demenstprechend hören. Wenn man von einem “Freund” zwei DVDs, vollgepackt mit mp3s bekommt, dann ist das einzelne album nur eine art trophäe; es geht dann nur noch um die höhe der gigabyte an musik, die man besitzt.
Conrad: Ich muss mir Alben, die ich als mp3 habe auf Tape überspielen, damit ich sie wirklich höre.
Kommen Hörer zu euch und fragen: wie soll ich mir die Platte anhören. Also fragen nach einer Art Anleitung?
Conrad: Das ist bisher noch nicht passiert. Leider. Wenn wir irgendwann mal simultan abzuspielende CDs rausbringen, wie Neurosis es mit “Grace” und “Times of Grace” gemacht haben, gibt’s eine schriftliche Anleitung. Versprochen! Man kann sich also schonmal auf “Die Zeiten des Igel an der Orgel” freuen!
Phil: bei blonden und rothaarigen Hörern empfehle ich den Ampl:tude Einführungskurs auf meinem Sofa.
Conrad: Aha?
Würdet ihr auch gerne mal was sagen, singen? Also etwas aussagen, um die Bedeutung eurer Songs zu unterstreichen? Eine “Message”?
Jo: Ich finde, wir haben so viele Melodien teilweise in den Liedern, da wird man dann bei Gesang vermutlich noch komplett bekloppt.
Conrad: Das mit der schaurigen Traurigkeit liegt mir wirklich am Herzen und diese Botschaft möchte ich auch in die ganze Welt tragen, aber das jetzt noch mit Ampl:tude zu machen wäre redundant. Es gibt manchmal Leute, die nach einem Konzert ankommen und sagen: “Das war war ja echt ganz cool…aber ihr braucht auf alle Fälle noch ne Sängerin!” Vor meinen Augen bauen sich die Visionen dieser Leute als gefälliger Elektro-Pop-Standard auf. Dann denke ich lieber nicht weiter drüber nach. Außerdem: Synthies und Keyboards haben auch Stimmen! Animal liberation, human liberation, synthie liberation!
Phil: Wir machen Musik ohne Texte - fertig, aus.
Ihr seid involviert im Theater an der Volksbühne. Inwieweit hat das was mit euch als Band zu tun, hat dort alles begonnen, eine art Keimzelle? Hat euch das zusammengebracht und diese Freude am experimentieren, improvisieren?
Phil: Zu Trio-Zeiten waren Karl und ich bei P14 in der Volksbühne. Nachdem Karl gestorben war, war das live Hörspiel COPS aktuell, zu dem wir dann zu viert den Soundtrack gespielt haben. Das war so ein Initialprojekt für das neue Ampl:tude. Wir konnten uns zu viert ausprobieren, ohne gleich als Band auftreten zu müssen, die versucht, da weiterzumachen wo sie zu dritt aufgehört hat.
Conrad: Ich habe Karl über’s Theater kennen gelernt und bin seinetwegen bei P14 eingestiegen. Da liegt für mich vieles, was soetwas wie keimzelle bedeutet.
Macht ihr Theater auf der Bühne - seid ihr doch eigentlich mehr verkappte Schauspieler als geborene Musiker?
Phil: Na so ein Quatsch! Wir sollten eigentlich 10 x mehr machen.
Conrad: Was aber nicht heißt 10 x mehr Show. Eher 10 x mehr abgehen. Na gut: 4,5 x mehr. Ich glaube das, was einige als Show auffassen ist eigentlich mehr unsere Reaktion auf die Musik, also mitnicken und auch der Rest des Körpers macht dann manchmal Dinge, von denen man vorher nicht weiß. Aber Ok .. was ist mit den Kostümen?
Phil: Kostüme? Das ist einfach so ein Müllbeutel aus dem wir uns da bedienen: 3 Brillen, eine Mütze und diese blöden großen Hände!
Conrad: Einige Bands verfügen über eine extrovertierte Achse.
Habt ihr es leichter als Live Band? Weil jeder nur diese Dinger anschaut und denkt: ach, wie niedlich, Keyboards und Kuschltiere, und alle verlieben sich dann in euch. Ihr streubt euch ja dem Wettberwerb der Gitarrenmusik und macht Elektronik mit Quatsch. Da kann euch keiner was. Ihr seid dann niedlich und lustig und quietschig und bunt. Wie so kleine Welpen, die will ja auch jeder knuddeln ..
Jo: ich denke, das macht schon ein wenig was aus, dass wir da rumrotieren und schrauben und schalten und überall dieser Kram aus alter Technik und dann noch die Kuscheltiere dazu, da denkt man sich dann vielleicht schon “okay, total bekloppt, aber irgendwie hat das auch was”
Phil: …ich dachte immer wie machen es uns viel schwerer als alle anderen.
Conrad: Vielleicht gibt es Leute, die sich nur auf den Kuschel-Igel und sein spitzenmäßig aussehendes Herrchen Matthi konzentrieren, aber auch die kommen nicht daran vorbei, dass es bei dem was wir da auf der Bühne machen um Musik handelt. Außerdem: wenn man live spielt hat es so gut wie jede Band einfacher, da man live doch vielmehr über die Musik und auch die Leute dahinter transportiert.
Einer der Gründe, warum ich gerne über Musik schreibe und etwas mehr erfahren möchte, ist, dass ich selbst kein Musiker bin und daher das ganze etwas sehr Fremdes und Mysteriöses hat. Ich kann es weder ganz verstehen noch nachvollziehen, noch imitieren oder nachspielen. Und manchmal vermisse ich dieses Mysteriöse an der Musik. Jeder will immer alles erklären können.
Conrad: Darum haben ja auch nur zwei von uns das Studium der Musikwissenschaft begonnen. Warum es nur einer von diesen beiden gegen andere Studiengänge eingetauscht hat weiß ich nicht. Ich hatte dieses Fach auch mal angedacht, aber eben genau wegen der Gefahr der Entzauberung hab ich’s damals nicht angefangen. Heute glaube ich allerdings, dass man durch das Auseinandernehemen eigentlich nur dazugewinnen kann. Ich für meinen Teil finde das Schreiben über Musik total schwierig und bewundere Leute, die das können.
Phil: Ich habe gerade Conrads Mitbewohner ein Sternburg für 50 Cent abgekauft. Yeah!
Ist das eigentlich schwere Musik, also ist die Musik schwierig live zu spielen? Ihr macht gelegentlich auch Fehler. Fallen die nur euch besonders auf? Ist das überhaupt erstebenswert live immer genau so zu klingen, wie ursprünglich gedacht oder entwickelt ihr nicht gerade live den Song nochmal ein ganzes Stück weiter?
Jo: Ich finde’s auch gut, live mitunter anders zu klingen, nicht eine reine Reproduktion der Platte zu bringen, wär ja auch langweilig
Conrad: Fehler sind gut. Punk Rock ist gut. man kann mit Fehlern umgehen und aus ihnen Neues machen. Ich sage: wie ein Tiger abspringen und wie ein Bettvorleger landen.
Phil: Ich mache nie Fehler.
Conrad: Dafür liebe ich dich, Phil! Du bist unser Rückgrat.
Phil: Und du bist unser Rückenschmerz.
Conrad: Und wer von uns ist das Wärmepflaster?
Wird Ampl:tude eurer Meinung nach oft missverstanden oder zumindest nicht genügend ernst genommen?
Jo: Manchmal habe ich den Eindruck, man hält uns eben so für ein Paar Spinner, die verrückte Musik machen, aber nicht unbedingt oft. ich finde schon, dass viele uns schon ernst nehmen, was mich ja nicht davon abhält mich dennoch immer wieder zu freuen, dann.
Phil: Soll das heißen, dass es Leute gibt, die Witze über uns reißen? So vonwegen “Du bist ja voll Ampl:tude…”?
Conrad: Hippiemäßig könnte man sagen: Erstmal ist jede Form von Rezeption unserer Musik erlaubt.
Phil: kann man den Igel an der Orgel falsch verstehen? “Wow, das ist ja total intullektuell!”? Hat man es dann falsch verstanden? Wie soll man unsere Musik falsch verstehen?
Conrad: Jemand könnte kommen und sagen: “Geiler Nazi Punk.” Oder klingt wie die neue Roger Cicero. Ich glaube aber ansonsten, dass es keine eindeutige Deutung unserer Musik, in aller Musik, in Kunst generell gibt.
Seid ihr eine ernste Spaßband. Oder eine spaßige Ernstband?
Conrad: Die Musik, die bei uns entsteht kann beides: ernst und spaßig.
Phil: Naja, Ernst? Ist das was wir machen ernst? Ich würde sagen, das was wir machen ist schön. Wir sind also eine spaßige Schönband.
Was auffällig ist: Ihr vereint bestimmte Nostalgien. Ihr wollt nicht erwachsen werden und ihr bringt Tapes raus und ihr seid niedlich und niemals männlich. Zeitgleich auch futuristisch mit all den blinkenden Apparaturen und technischen Geräten.
Jo: Hallo, wir sind Ampl:tude, die Rosamunde Pilcher der Videospielmusik.
Conrad: Was die instrumente angeht: Das sind unsere Weapons of choice um Musik zu machen. Es sind Instrumente aus unserem Leben.
Phil: wenn man die Dinge, die du in der Frage genannt hast in uns hineininterpretieren kann, dann finde ich das sehr schön.
Conrad: Mist, erraten! Im Sommer 2004 haben wir den Plan mit dem niedlich sein aufgestellt. Anfang 2005 wurde das Nostalgische, nicht erwachsen werden mit auf die Agenda geschrieben.
Man hat es ja oft mit Bands zu tun, die wollen und tun und machen. Und reden von größer werden und berechnen und vergleichen sich. Die sind dann ambitioniert. Und ihr nehmt diesen Teil einfach hin oder lasst ihn weg. Ist das naiv, oder romantisch oder Punk?
Conrad: Na ja, das nur reden vom größer werden und das tragen eines Schildes, auf dem in Neonschrift “Ambitionierte Band”, steht nervt denke ich in erster Linie einfach. Nach meiner Erfahrung sind das auch doofe Bands. ambitioniert sein kann ja ganz unterschiedlich aussehen.
Phil: Ich bin naiv, Conrad ist romantisch, Matthi ist Punk und Johannes ist bei Sinnbus.
Jo: Ich bin Teil von Sinnbus. Das bedeutet Fairness gegenüber Musikern und Leuten, die das tendenziell kaufen wollen/können zu wahren.
Würde das bedeuten, das Ideale nicht mehr zeitgemäß und deswegen anachronistisch und dann daraus ergebend romantisch scheinen?
Phil: richtig, deswegen bin ich nicht mehr zeitgemäß, Conrad ist anachronistisch, Matthis Ideale erscheinen romantisch und Johannes ist bei Sinnbus.
Gibt es ein Motiv für Ampl:tude, einen Antrieb?
Jo: Musik machen, Leute zum lachen bringen, gerne auch faszinieren damit, begeistern, irgendwie sowas.
Conrad: Für mich ist nach wie vor der Hauptantrieb hinter Ampl:tude, etwas weiterzuführen, was ein Freund von uns vieren angefangen hat, der jetzt nicht mehr in der Band sein kann. Jedenfalls nicht physisch.
Phil: Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll. Ohne Sex und Drugs.
Habt ihr Erfahrung mit diesem - ich schweiss mir selbst Geräte zusammen - Ding? Conrad, du hast nen Lötkolben aufm Balkon. dieses Geräte aufschrauben, Schaltkreise verändern und damit Klang erzeugen? Circuit Bending - seid ihr da drin involviert?
Conrad: Adi Gelbart hat mir mal die ersten Schritte von Circuit Bending gezeigt, daraufhin hab ich mir gleich den Lötkolben zugelegt. Aber Keyboards aufschrauben tut so weh. Außerdem: Circuit Bender sind Menschen, die im Physikunterricht keine Texte für ihre Punk Band geschrieben, sondern besser aufgepasst haben.
Phil: Ich wäre gern wie Adi Gelbart, der ist Punk und weiß was Widerstände und Potentiometer machen. Ich hab neulich mein klavier stimmen lassen. das hat 60 Euro gekostet. circuit bend yourself, motherfucker. Tobias
Ampl:tude sind Teil des Sinnbus-Labelspecials der PnG #74.
froggi records wrote:
aufruf an die band: wehrt euch gegen die ‘rosamunde pilcher’.
Posted on 29-Mrz-08 at 2:50 pm | Permalink