Mittwoch, April 30, 2008
Es ist ein Irrglaube, dass man irgendwas spielen können muss, um in einer Band zu sein. Es reicht völlig, gut auszusehen. Bei Emilie Autumn and her Bloody Crumpets trifft diese ziemlich abgehangene Erkenntnis auf fünf von sechs “Bandmitgliedern“ zu. Emilie geigte früher für Courtney Love und hat inzwischen, umjubelt von Kritik und Groupies, einen Stil erfunden, der sich Victoriandustrial schimpft. Was auch immer man von ihrer Musik halten mag - jedem, dem daran gelegen ist, je wieder in seinem Leben Sex zu haben, ohne dabei abwechselnd von traumabedingten Wein- und Lachkrämpfen geschüttelt zu werden, sollte sich von Emilie Autumns Shows fernhalten. Dabei begann in Leipzig alles relativ harmlos damit, dass zum Schottern von “Four o’clock” (Playback.) fünf wenig aber aufwändig bekleidete Schönheiten die Bühne enterten und anfingen zu fummeln (Sah gut aus.). Dann gingen sie dazu über, rhythmisch Teebeutel in leere Porzellantassen zu tauchen und wieder rauszuziehen und wieder reinzutauchen und dabei lasziv zu blinzeln (Sah nicht gut aus.). Das war leider nicht der Anfang vom Ende. Es ging gerade erst los. (Continued)
Dienstag, April 29, 2008
Es muss immer wachsen. Alles. Nur was wächst, ist gut. Außer ein Krebsgeschwür. Um gesund zu sein, muss es sich in die Höhe stemmen. In olympische Proportionen. Damit das sicher funktioniert, rubbeln wir an dem Ding mit Euphorie und wichsen es ein mit Zunettigkeit. So macht man auch aus gerade noch stehender Mittelmäßigkeit, die tatsächlich wegzuknicken droht, hindurchrutscht unter der vormals hoch gelegten Latte, einen Meilenständer … arrghel. Was diesen seltsamen Rap nun inspiriert hat, ist wahrlich nicht das neue Xiu Xiu-Album, das Leidenschaft aus dem Heimlichen und der Verklemmung und stilistischer Purität tatsächlich noch deutlicher erlöst, als die fünf vorangegangenen Langspielplatten, es ist vielmehr der vereinnahmende und gegenwärtig so immens populäre Slogan einer neuen Folkbewegung, der Trend, der gesetzmäßig totgefüttert werden muss. „Women as Lovers“ ist glücklicherweise ein so gewaltiger Brocken aus den wiederholt und vehement aufgebauten diversen Stilsedimenten, dass er nimmer heruntergerissen werden kann, in den schwarzlochhaften Schlund, in den jeder einstmals feurig proklamierte Trend schließlich erbärmlich hinuntergeht. Noch deutlicher, noch eigenwilliger, mit einem geschmackssicher und kennerhaft auf ein grandios aufgezogenes Panorama deutenden Gestus, widersetzt sich Jamie Stewart mit Xiu Xiu dem Sog jeder Bewegung, die nicht dem eigenen unbändigen Rhythmus folgt. „I do what I want, when I want“ heißt das Stück, das dieses Album programmatisch eröffnet.
(Continued)
Donnerstag, April 24, 2008
Discopunk und kein Ende. Allerdings hat es schon wieder etwas sympathisches, wie konsequent anachronistisch das Schweizer Duo Andrea Pestoni und Christa Helbling auf „Screenplay“ ihre nun weiß Gott nicht neue Version von Electro-Punk-Pop in Szene setzen. Die 80-er Jahre lassen erwartungsgemäß sacht grüßen. Der Sleaze- und Schmierigkeitsfaktor ist erstaunlich niedrig, was der ganzen Geschichte nicht unbedingt geschadet hat – die offensive Sex-Attitude entsprechender Outfits kann einem manchmal durchaus auf die Nerven gehen. Etwas mehr Risikobereitschaft hätte ich mir hingegen aber schon gewünscht. Oder vielleicht auch etwas mehr Mut im Umgang mit dem rockistischen bzw. punkistischen Background. Dies hätte der Vielfalt im Sound schon gut getan. So geht „Screenplay“ auf der langen Distanz hörbar die Luft aus: Irgendwann kann man diese recht gleichförmigen Beats einfach nicht mehr hören. Oder diese Synthies, die auf einen klar definierten Sound geradezu festgenagelt scheinen. Wäre mehr drin gewesen, finde ich. So bleibt’s beim hier immerhin gern gegebenen Sympathiepunkt. (Alpinechic) (Continued)
Donnerstag, April 24, 2008

Das an dieser Stelle mittlerweile schon mehrfach erwähnte La Pampa-Festival hat wieder neue Bandbestätigungen zu verzeichnen. Und da handelt es sich weiß Gott nicht um irgendwen: Die Hagenwerderschen Bühnen werden nämlich Chikinki, Justine Electra, Jens Friebe, Girls in Hawaii und Mintzkov beglücken. Besonders interessant dürfte dabei das Doppel Justine Electra/Jens Friebe sein: sie, die so gut wie keine Konzerte gibt, obwohl wir uns redaktionsintern auf der 2006er (Pop Up davon überzeugen konnten, wie unerhört charmant diese Frau ist, und er, der in den letzten Monaten so ziemlich jede Bühne betreten hat und weiß, wie er mit dem Publikum umzugehen hat. Es wird zu Duetten kommen, die man so noch nicht gehört hat. Man darf gespannt sein.
Karten gibt es wie gehabt über die Festival-Website und an allen bekannten VVK-Stellen. Das La Pampa findet vom 4. bis 6. Juli in Hagenwerder bei Görlitz statt.
Sonntag, April 20, 2008
Die Jungs von On Canvas machen mir es wirklich nicht leicht, mal eben die Genreschublade aufzuziehen und sie in ein bestimmtes Fach einzusortieren. Da wird mal ansatzweise vor sich hingenoist, dann kommt ein fast perfekter Popsong und zu allem Überfluss hat irgendjemand von denen auch noch Programming-Kenntnisse, so dass es ein bisschen elektronisch vor sich hinblubbert. Noisetechpop? Klingt furchtbar, ja, aber das ist bei Gott die einzige hypothetische Schublade, in die man On Canvas stecken könnte. Der Gesang kommt noch etwas schwach daher, aber daran lässt sich ja bestimmt das ein oder andere ändern. Für eine selbst vertriebene EP also nicht schlecht, weitermachen, beobachten. (Eigenvertrieb/www.on-canvas.net)
Samstag, April 19, 2008
… The Ex in New York. Den meisten dürfte zumindest einer der Macher dieses Konzertfilms bekannt sein, denn mit Fugazis „Instrument“ hat Jem Cohen dieser fantastischen Band so etwas wie ein Denkmal gesetzt. Auf diesem einstündigen Konzertfilm, der vor allem aus einem Mitschnitt des The Ex Konzertes am 9. September 2004 in der New Yorker Knitting Factory besteht, hat Cohen mit Matt Boyd zusammengearbeitet. Die Ästhetik des Films ist sehr schlicht gehalten, wie das bei fast allen Cohen Produktionen der Fall ist. Die intensive Show der Niederländer wird mit vereinzelten Stadtaufnahmen in New York aufgelockert und dabei gleichzeitig politisiert, da zu dieser Zeit gerade die National Convention der republikanischen Partei in der Stadt abgehalten wurde. Auf erläuternde Interviews oder bestimmte narrative Elemente wurde bewusst verzichtet, um die energiegeladene Show der Band im Mittelpunkt zu halten. (Continued)
Freitag, April 18, 2008
„Ich sehe keinen Makel im Altern. Ich empfinde nichts Anstößiges daran, dass die Haare grau werden und ausfallen und die Haut sich in Falten legt“, erklärt die Malerin Minobu Kamida ihre Werke, von denen wir zwei Arbeiten mit dem Inhaltsverzeichnis der 75. Ausgabe Persona Non Grata (zum Thema: Fehler) abgedruckt haben. Es ist dabei nicht wirklich verwunderlich, dass sie die Brüste, die der Schwerkraft längst nachgegeben haben und die Kahlheit, die das Haar des alten Mannes licht gefressen hat, so offensichtlich liebevoll betrachtet, zu ihren Motiven erkoren und vorsichtig in Öl getupft hat. Die Modelle sind die Großeltern der Künstlerin, die in hohem Alter auf der Reisfarm der Familie auf der japanischen Insel Kyushu leben.
(Continued)
Donnerstag, April 17, 2008
Am Freitag, dem 18.04.2008, erwartet die Besucher des Zoro in Leipzig gegen 20 Uhr ein fulminantes Feuerwerk des Noise in Form der Chemnitzer Band Dÿse und vertrackte Instrumentalmusik zwischen Hardcore und Postrock von den Sleeping People aus den Staaten. Präsentiert wird das Ganze wie immer vom qualitätssicheren Schubladenkonsortium.
(Continued)
Dienstag, April 15, 2008

Es ist schon etwas arm, dass wir zu diesem grandiosen Festival eines so tollen Labelnetzwerkes wie Ahornfelder, das zudem nun auch noch genau vor unserer Leipziger Haustüre statt findet, wirklich nicht mehr zu erklären haben, als bereits in der offiziellen Presseerklärung steht. Wir schämen uns abgrundtief. Die Arbeit an der aktuellen Ausgabe – Neuigkeiten noch diese Woche – lief bis just gerade eben, und diese Ankündigung des Festivals sollte doch schon längst von diesem Spektakel künden. Völlig ausgebrannt, wie wir uns fühlen, ist im Augenblick leider nichts daran zu ändern, dass die einzigen eigenen Worte, die wir hier hinzu fügen können, unsere nachdrückliche Empfehlung ist, ergo: Wer da nicht hingeht, ist doof!
(Continued)
Samstag, April 12, 2008
Ich wohne in Hackney, East London. Angeblich der ärmste Stadtteil der britischen Hauptstadt, dem man vor mehren Jahren noch nicht einmal einen Platz auf der Stadtkarte schenken wollte. Es ist ein Viertel, in dem Musiker, Fine-Art Studenten und Wahnsinnige wohnen. Die Mieten sind verhältnismäßig niedrig, die Buden gerne ranzig, vieles wirkt ein wenig provisorisch. Das neuste Album von The Kills “Midnight Boom” verkörpert für mich die Tonspuren jener Szenarien, die in Hackney jeden Tag immer wieder und wieder und trotzdem anders ablaufen. Alles wirkt ein bisschen abgefuckt, reduziert und übernächtigt. Gerade deswegen macht es Spaß hier zu wohnen, weil es ehrlich erscheint, irgendwie Lo-Fi. “Midnight Boom” ist der Soundtrack meiner Nachbarschaft. Diese Musik hört sich ein bisschen kaputt an, verschachtelt, aber auch treibend. (Continued)
Freitag, April 11, 2008
Die Dänen, die machen mich fertig. Gefragt nach qualitativ hochwertigen deutschen Bands müsste ich schon eine Weile überlegen, um eine Handvoll zu nennen; im Vergleich dazu fiele mir das bei unserem nördlichen Nachbarstaat um einiges leichter. Und Cartridge würden definitiv in dieser Liste auftauchen. Die vier grundsympathischen Jungs, die Szenen aus der Olsenbande zitieren und mit deutschen Schimpfwörtern um sich schmeißen können, ohne mit der Wimper zu zucken, haben endlich ein neues Album in den Startlöchern. „Fractures“ heißt es, und angesichts der Tatsache, dass Cartridge in ihrer doch noch sehr jungen Jahren den Popgestus der letzten vier Jahrzehnte auf glaubhafte Art und Weise mit Löffeln gefressen zu haben scheinen, gehe ich neidlos in die Knie. Denn wenn man wie die späten Beach Boys ohne Drogen, Simon & Garfunkel auf irgendeinem ganz verrückten Halluzinogen und Mew ohne überflüssiges Gejammer klingt, ohne sich dabei lächerlich zu machen, kann das schon als eine wahrhafte Leistung empfunden werden. Cartridge machen lupenreinen Pop, ohne banal oder austauschbar zu wirken, und was auf Platte ab und an etwas zu glattgebügelt wirkt, dürfte live auch noch ausreichend kaschiert werden. Zu erleben ab jetzt, auf ihrer Tour. Persona non Grata präsentiert. Auf dass Ihr zahlreich hingehet!
Cartridge Live
12.04. Leipzig, Cafe Panam
(Continued)
Freitag, April 11, 2008
Achtung, Abgeschmacktheit deluxe: Manchmal passieren noch Wunder. So ergab dann auch eine glückliche Wechselwirkung diverser Organisationskräfte, dass die von uns präsentierte Peters.-Tour um ein Konzert bereichert wird, das zufälligerweise auch noch in unserer tollen Messestadt stattfindet. Am 13. April (ja, das ist ein Sonntag, aber das ist keine Ausrede) spielen die lustigen Musikanten im Café Könnte Man in der Hainstraße 18-20 (ja, das ist Innenstadt, aber auch das ist keine Ausrede) auf. Für 2 Euro gibt’s ordentlich Hau-drauf und ein Bier dazu. Besser geht es nicht. Und es wird großartig. WORD.
Peters. Live
13. April, 21h
Café Könnte Man in der Hainstraße 18-20
Mittwoch, April 9, 2008

Es gibt wohl nur sehr wenige Menschen, denen der Abschied von einst innig Geliebtem leichtfällt. Zu viele Erinnerungen hängen an dem betreffenden Ob- oder Subjekt der (ehemaligen) Begierde; zu fest sind die Verbindungen, die sich über Monate und Jahre Zelle um Zelle im Körper verwoben haben; und zu wenig ist man willens loszulassen. Im Falle der Galan Pixs ist das nicht anders: Während unser Hofillustrator P.M. Hoffmann in Persona non Grata #73 noch die letzte Platte “Introducing The Band” bebilderte, verkündete Sänger Stefan Kopielski unlängst offiziell die schon länger im Raum stehende Trennung der Band. Nach fünfzehnjähriger Zusammenarbeit seien die kreativen Kapazitäten ausgeschöpft - eine diplomatisch klingende, aber sicherlich nachvollziehbare Begründung. Dass allerdings noch genügend Material auf überladenen Rechnern vor sich hin modert, und dass - wie eingangs erwähnt - der nun feststehende Abschied eben doch alles andere als Zuckerschlecken ist, beweisen die fünf noch einmal ab dem 15. April. Insgesamt 54 Remixe, u.a. von John Fryer, Eugene Machine, Tafka CS und Rik Order, werden auf der Galan Pixs-Website kostenlos zur Verfügung gestellt. Zu schade wäre es, sie ungehört verkommen zu lassen, und vielleicht erleichtert dieser Abschied der besonderen Art ja auch die Gemüter aller Beteiligten ein wenig.
Samstag, April 5, 2008

Redding Hunter entdeckt seine Sentimentalitäten. Komische Formulierung – fürwahr. Aber dieser Songwriter ist auch wirklich ein ganz besonderer Kauz. Als Peter and the Wolf hätschelt er seine Erinnerungen an vergangene Gefühle ausschließlich über äußerst fein und fragil gewobene Songs, als müsse er Leid und Bitterkeit noch einmal erfahren. (Continued)
Donnerstag, April 3, 2008
Freunde des genialen Kinos von Terry Gilliam haben es wahrlich nicht leicht. Ihr Leben besteht zumeist aus einem ständigen Seufzen. „Baron Münchhausen“ gefloppt, „Don Quixote“ ein Desaster, „Brothers Grimm“ eine unbefriedigende Auftragsarbeit und die geniale Idee, mit „Three Witches“ ein Buch des anderen Terry (Prachett) zu verfilmen, liegt auf Halde. Da muss man sich schon glücklich schätzen, dass man jetzt – ganze zwei Jahre nach seiner Premiere – endlich in den Genuss von „Tideland“ kommt. Zwar nicht, wie erhofft auf der Leinwand, dafür aber mit einem guten Paket an Extras auf einer Doppel-DVD.
(Continued)