Die Welt auf den Kopf gestellt „Tideland“ von Terry Gilliam
Freunde des genialen Kinos von Terry Gilliam haben es wahrlich nicht leicht. Ihr Leben besteht zumeist aus einem ständigen Seufzen. „Baron Münchhausen“ gefloppt, „Don Quixote“ ein Desaster, „Brothers Grimm“ eine unbefriedigende Auftragsarbeit und die geniale Idee, mit „Three Witches“ ein Buch des anderen Terry (Prachett) zu verfilmen, liegt auf Halde. Da muss man sich schon glücklich schätzen, dass man jetzt – ganze zwei Jahre nach seiner Premiere – endlich in den Genuss von „Tideland“ kommt. Zwar nicht, wie erhofft auf der Leinwand, dafür aber mit einem guten Paket an Extras auf einer Doppel-DVD.
Aber halt, eine Handvoll Leute hatte bereits das Glück, den Film in einem Kino zu erleben. Anlässlich der Gilliam-Retrospektive kam der Meister 2007 nämlich selbst ins Berliner Babylon und stellte sich in einem gut einstündigen Gespräch, den Fragen der Kollegen von der Filmzeitschrift „Revolver“. Dabei wirkte er gelöst, entspannt, ja zufrieden fast und gab etliche Anekdoten aus dem Leben eines Regisseurs zwischen den Zahnrädern Hollywoods zum Besten. Auch auf „Brothers Grimm“ angesprochen, wirkt er nicht verbittert, sondern lies seinen typischen Sarkasmus sprühen, der ihn schon immer zum britischen Amerikaner machte – was er übrigens de facto mittlerweile auch ist. Die britische Staatsbürgerschaft musste er allerdings mit der Tatsache bezahlen, dass er nun nur noch ein Touristenvisum für die Staaten erhält, d.h. seine Familie nur noch wenige Wochen im Jahr sehen darf. Wer einmal der amerikanischen Flagge den Rücken zukehrt, den sieht man nicht mehr gerne, in diesem Land. Aber für Gilliam war es untragbar, weiterhin unter der Regierung Bush zu leben. Konsequenz war nie das Problem des 67jährigen.
Aber zurück zu „Tideland“. Es trägt in jedem Fall zum Verständnis des Films bei, wenn man ihn mit einer Einführung des Regisseurs sieht. Sein Rat: „Vergesst alles, was ihr über Filme wisst. Vergesst, dass ihr erwachsen seid. Versucht für zwei Stunden die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen.“ Sicher, leichter gesagt, als getan, aber die Anstrengung lohnt sich. Im doppelten Sinn, denn auch die Anstrengung, die „Tideland“ an den Rezipienten stellt, wird belohnt.
Im Grunde ist „Tideland“ eine Art abgrundtief düsteres „Alice im Wunderland“, ähnlich dem surrealen Spiel „Alice“ von „Doom“-Schöpfer American McGee. Auch die Welt von Gilliams kleiner Heldin Jeliza-Rose ist hässlich, geprägt von Drogen, Tod und Armut. Das Fehlen von Liebe und einer intakten Familie kompensiert sie mit einer Flucht in eine Traumwelt, in der ihre Puppen lebendig sind und in der Hexen, Monster und Geister erschreckende Realität sind. Die Nadel entfernt sie ganz selbstverständlich aus dem Arm ihres Vaters, eines heroinsüchtigen, gescheiterten Rockstars. Mit ihm zieht sie nach dem Tod der Mutter in ein abgewracktes Haus auf dem Land. Aber auch das Rockwrack – genial verkörpert von Jeff Bridges – macht es nicht lange und so ist Jeliza-Rose auf sich alleine gestellt, zurückgelassen mit ihren imaginären Freunden. Doch sie bleibt nicht lange allein, denn in der Nachbarschaft wohnt der zurückgebliebene Dickens mit seiner älteren Schwester. Doch auch ihre Welt ist fern der Realität. Nach und nach beherrschen Jeliza-Roses düstere Albträume immer mehr die Leinwand und die Welt steht, wie auf dem Cover, allmählich Kopf.
Das mag grausam und schwer erträglich erscheinen, doch durch die Augen eines kleinen Mädchens sieht man die Schönheit im Schrecken, entwickelt sich eine absurde Komik aus ihren Schminkaktionen an der verwesenden Leiche des Vaters. Gilliam verleiht der Romanvorlage von Mitch Cullin einen ganz eigenen surrealen Anstrich und gewinnt dadurch endlich zu alter Stärke zurück. Ein wundervoll schreckliches Märchen für Erwachsene. Magisch und schmutzig, wundervoll und widerlich, und erzählt mit der Naivität eines Kindes. Lars
Die DVD „Tideland“ ist bei Concorde erschienen.
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* Concorde
hannes wrote:
jo, hab den film vor zwei jahren zur premiere beim film festival in san sebastian gesehen. die hälfte der zuschauer / journalisten sind schon nach einer halben stunde raus gegangen. deppen. habe selten einen solch phantasievollen film gesehen. einfach wahnsinnig tolle bilder. schade, dass er nicht ins kino kommt.
Posted on 04-Apr-08 at 8:59 am | Permalink