XIU XIU mit “Women as Lovers” auf Tour

xiu.jpgEs muss immer wachsen. Alles. Nur was wächst, ist gut. Außer ein Krebsgeschwür. Um gesund zu sein, muss es sich in die Höhe stemmen. In olympische Proportionen. Damit das sicher funktioniert, rubbeln wir an dem Ding mit Euphorie und wichsen es ein mit Zunettigkeit. So macht man auch aus gerade noch stehender Mittelmäßigkeit, die tatsächlich wegzuknicken droht, hindurchrutscht unter der vormals hoch gelegten Latte, einen Meilenständer … arrghel. Was diesen seltsamen Rap nun inspiriert hat, ist wahrlich nicht das neue Xiu Xiu-Album, das Leidenschaft aus dem Heimlichen und der Verklemmung und stilistischer Purität tatsächlich noch deutlicher erlöst, als die fünf vorangegangenen Langspielplatten, es ist vielmehr der vereinnahmende und gegenwärtig so immens populäre Slogan einer neuen Folkbewegung, der Trend, der gesetzmäßig totgefüttert werden muss. „Women as Lovers“ ist glücklicherweise ein so gewaltiger Brocken aus den wiederholt und vehement aufgebauten diversen Stilsedimenten, dass er nimmer heruntergerissen werden kann, in den schwarzlochhaften Schlund, in den jeder einstmals feurig proklamierte Trend schließlich erbärmlich hinuntergeht. Noch deutlicher, noch eigenwilliger, mit einem geschmackssicher und kennerhaft auf ein grandios aufgezogenes Panorama deutenden Gestus, widersetzt sich Jamie Stewart mit Xiu Xiu dem Sog jeder Bewegung, die nicht dem eigenen unbändigen Rhythmus folgt. „I do what I want, when I want“ heißt das Stück, das dieses Album programmatisch eröffnet.

„Women as Lovers“ pulsiert seine unterschwelligen sexuellen Spannungen, seine enthemmte Koketterie mit unterschlagenen Themen und Passion jenseits zur Liebe verklärter Zwischenkörperlichkeit in eine erneut unvereinnahmbar vielfältig gezahnte Bastion von einem Album – ein Album, das erwartet, dass man es mit jedem Stücke, jeder Geschichte, neu entdeckt. „Women as Lovers“ ist ein mit jedem sanften Perspektivwechsel sofort vielfach neue Dimensionen aus der Obskurität herausschimmerndes Kaleidoskop. Die Politik der Regierung und der Körper, Kriege der Seelen und der Geschlechter. Unter dem Eindruck des Songwritings Jamie Stewarts verdichten sich die Geschichten zu Waffen, die scharf und kantig genug sind, um dem Hörer für immer das Herz aus der Brust zu schälen … und an diesen Künstler verlieren zu lassen. Noise aus dem Hinterhalt, über vordergründig sanft gestrickte Folktexturen. Blutpeitschende Punkreferenzen, durchsetzt mit mit dem nervennagenden Mahlen und Reiben, dem Pfeifen und Schleudern des Industrial. Eine stampfende Coverversion von „Under Pressure“, in der sich Michael Gira als ausdrücklich hochverehrter Gast herrlich eine Leidenschaft von der Stimme grölen kann, sie reinschleifen darf in die allbekannten Tunes, die er auf seinem aktuellen Werk mit Angels of Light viel sonorer, abgeklärter und entrückter verkleidet. Zu behaupten, „Women as Lovers“, sei das beste Xiu Xiu Album bisher, ist also mitnichten das eingangs benannte Phänomen einer euphoriegesalbten Verklärung schwindenden Wachstums, sondern die Wahrheit, die Wahrheit, die Wahrheit, die Jamie Stewart zweifellos auch mit den folgenden Werken fördern wird. (Kill Rock Stars)

01.05.08 - Krems (A) – Donaufestival
02.05.08 - Berlin (D) – Magnet Club Tickets
05.05.08 - Hamburg (D) – Molotow Tickets
12.05.08 - Düdingen (CH) – Bad Bonn

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