Emilie Autumn, 22.04.08, Moritzbastei Leipzig

emi.jpgEs ist ein Irrglaube, dass man irgendwas spielen können muss, um in einer Band zu sein. Es reicht völlig, gut auszusehen. Bei Emilie Autumn and her Bloody Crumpets trifft diese ziemlich abgehangene Erkenntnis auf fünf von sechs “Bandmitgliedern“ zu. Emilie geigte früher für Courtney Love und hat inzwischen, umjubelt von Kritik und Groupies, einen Stil erfunden, der sich Victoriandustrial schimpft. Was auch immer man von ihrer Musik halten mag - jedem, dem daran gelegen ist, je wieder in seinem Leben Sex zu haben, ohne dabei abwechselnd von traumabedingten Wein- und Lachkrämpfen geschüttelt zu werden, sollte sich von Emilie Autumns Shows fernhalten. Dabei begann in Leipzig alles relativ harmlos damit, dass zum Schottern von “Four o’clock” (Playback.) fünf wenig aber aufwändig bekleidete Schönheiten die Bühne enterten und anfingen zu fummeln (Sah gut aus.). Dann gingen sie dazu über, rhythmisch Teebeutel in leere Porzellantassen zu tauchen und wieder rauszuziehen und wieder reinzutauchen und dabei lasziv zu blinzeln (Sah nicht gut aus.). Das war leider nicht der Anfang vom Ende. Es ging gerade erst los.

Ab dem zweiten Song (Auch Playback.) begann Grazie Nummer 2, Zungenküsse in der ersten Reihe zu verteilen (Gut.). Wir überlegten, uns vorzudrängeln. Klappte aber nicht (Nicht gut.) Die Restband wedelte kokett mit Fächern, Federn und ihren Ärschen, irgendwie passierte zwischendurch mal Musik, das bekam man nicht so mit. Machte aber nichts, der Sound war sowieso hoffnungslos übersteuert. Als beim vierten Song Bandmieze 3 mit einem abgetrennten Negerpuppenkopf auf einem Schwert zu “Give me my Innocence back” gegen ihr Schicksal marschierte, zersetzte sich mein Ästhetikempfinden in etwas Anorganisches.

Was in der riesigen Gothic-Barbie-Peep-Show unterging, war, dass Frau Autumn eigentlich gut aussieht und spielen kann: Schlichtweg beeindruckend war eine Bachsonate auf E-Geige, die sie (uneingespielt!) im Tempo eines Slayersongs runterjagte. Leider besaß die Restshow den Sexappeal von Strasssteinen am Intimpiercing eines magersüchtigen Metallers mit zu Zöpfen geflochtenem Barthaar. Und sie hörte und hörte nicht auf. Als der Kitsch-Horror-Trip schließlich vorbei war, war ich bereit, katholisch zu werden und in einen Kirchenchor einzutreten. Meine Begleitung äußerte, dass er zuletzt so verstört gewesen sei, als er mit neun die Gayporno-DVDs seines Vaters entdeckte. Aber selbst das hatte gegen das Konzert von Emilie Autumn einen entscheidenden Vorteil: da konnte man den Ton abdrehen. Juliane Liebert

Comments (1) to “Emilie Autumn, 22.04.08, Moritzbastei Leipzig”

  1. sehr luustig - Du wirst wirklich keine Einladungen mehr bekommen, schade, denn Du brauchst doch gewisse Vorlagen!
    Michael

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