PnG #75 Label WG
Interview mit Friederike Meyer & Thorsten Seif [BUBACK-TONTRÄGER]

Die Bubacks, aus der Hamburger Label-WG, hatten selbst auch noch so allerlei zu erzählen zu ihrer Arbeit. Deswegen schlugen sie selbst ein Interview, ergänzend zum Label-Portrait, vor. Die Zeit aber raste, es kam es zu keinem Treffen, und dieser kleine Fragenkatalog hier konnte erst nach Redaktionsschluß fertiggestellt werden. Der sperrige Charakter der Fragen und Antworten muß in Kauf genommen werden, er ist der online-Methode geschuldet. Ihr müßt Euch jeweils denken, wie ich auf Antworten wie, “Komischerweise lässt ja die von dir genannte „Kulturschiene“, also z.B. das Theater, wesentlich mehr Kunst und Kontroversen zu als die meisten Pop-Plattformen”, reagiert hätte. (Ich möchte verraten, ich habe in dem Fall eine ganz konträre Einschätzung).
Jörg (png): Auf Eurer Webseite steht, daß Daniel Richter 2005 das Label übernahm. Hat er es gekauft, oder wie waren die Konditionen. Und war das so eine Art „Rettungs-Aktion“, wäre das Label sonst nicht mehr zu führen gewesen, oder welche (strategischen) Überlegungen gab es dabei?
Thorsten: Da wir keine AG sind, reden wir auch nicht über Konditionen. Daniel Richter ist quasi Buback Mitbegründer und alter Wegbegleiter. 2005 hatte Ale Dumbsky (Gründungsmitglied von Buback und lange Jahre Betreiber des Labels) alle Höhen und Tiefen der Labelarbeit hinter sich und hat gegen Ende seiner Buback Karriere wohl klassisch ein paar ökonomische Fehler gemacht, die jeder Musikbranchen Autodidakt so macht oder gemacht hat. Wir waren an einem Punkt wo es finanziell mäßig stand wir aber trotzdem zu groß oder zu weit waren um das Label klassisch unter selbstausbeuterischen Voraussetzungen weiterzuführen. Es hätte mehrere Möglichkeiten gegeben: Selbstausbeutung, verkaufen oder einen Freund fragen der finanziell ganz gut da steht und bei evtl. weiteren Tiefschlägen einspringt. Weitere Tiefschläge gab es Gott sei Dank nicht mehr und deshalb wurde die Firma letztendlich einfach so an Daniel Richter weitergegeben (jetzt habe ich ja doch über Konditionen gesprochen).
Friederike: Nicht zu vergessen auch die Tatsache, dass Ale Dumbsky für sich eh einen Punkt erreicht hatte, an dem eine Veränderung notwendig war. Deshalb ist er dann ja auch ausgestiegen und wir haben die Geschäftsführung übernommen.
Jörg: Die Labelgründung liegt nun über 20 Jahre zurück. Die Anfänge waren Punk.
Die Goldenen Zitronen liefen gut. Dann kamen irgendwann diese Hip-Hop- und die Reggae-Erfolgssträhnen. Den Gedanken, auch zum Beispiel die Goldenen Zitronen an Major Labels „abzugeben“ oder zu lizensieren (wie die Beginner oder Jan Delay) hatte man – laut Info – aber nie. Hätten die wirklich kein Interesse gehabt, mal (wieder – siehe die Cooking Vinyl-Phase) Platten in England rauszubringen? Immerhin müssen sie sonst vielleicht im Alter krampfhaft auf der Kultur-Schiene (bürgerliche Kunst) fahren – wie Ted Gaier das z.B. im Film „Rasender Stillstand“ ganz nüchtern erwägt (im Bezug zu Schorsch Kamerun, der da schon Erfahrungen – Rundfunk/Hörspiel und so - hat).
Thorsten: Ted Gaier war Mitbegründer und übrigens auch Namensgeber des Labels. Die Goldenen Zitronen werden aber erst seit 2001 bei Buback veröffentlicht. Stilprägend für das Programm war damals immer Ale Dumbsky. Er hat nach Punk Hip Hop und Reggae für sich entdeckt, hat den Sound selber als DJ aufgelegt und hing vornehmlich in dieser Szene herum. Wenn du einen Werdegang wie die Goldenen Zitronen hinter dir hast, macht es keinen Sinn darüber nachzudenken zu einer Major Plattenfirma zu gehen. Die ganze Historie und Entwicklung der Band lässt sich nicht mit einem Vertrag bei einem großen, multinational gesteuertem Konzern in Einklang bringen. Aus Interesse zur Kunst, Avantgarde und Politik wurde die Band ja, anders als wahrscheinlich jede andere Popband, ständig sperriger und ungemütlicher. Ich kenne keine andere Popband die alles was rein theoretisch in der Popmusik möglich ist, komplett ausgeschöpft hat und dies wahrscheinlich auch die nächsten Jahre tun wird. Das ist nur bei einem Label wie Buback möglich. Komischerweise lässt ja die von dir genannte „Kulturschiene“, also z.B. das Theater, wesentlich mehr Kunst und Kontroversen zu als die meisten Pop-Plattformen.
Jörg: Nachdem jetzt offensichtlich eine ganze Reihe hochkarätiger
Undergroundstars, darunter viele reife, erfahrene und „langlebige“ Bands, zu Euch gestoßen sind, merkt ihr da eine Veränderung in der Wahrnehmung/Gewichtung von Aussen?
Und mussten diese Menschen gelockt werden, oder wie hat sich das ergeben, wie waren die Kontakte? Was ist denn z.B. aus Sub-Up geworden?
Friederike: „Locken“ mussten wir niemanden. Gerade in letzter Zeit ergibt sich vieles oft von selbst. Das heißt nicht, dass wir dasitzen und warten bis mal jemand anklopft, aber durch die Netzwerke und teilweise langjährigen Bekanntschaften, ergibt es sich natürlich schneller das z.B. eine Band wie F.S.K. zu uns stößt. Wir nehmen so etwas aber auch nicht als selbstverständlich hin, sondern erörtern in Gesprächen mit den Bands was wir leisten können und warum es für sie gut wäre zu uns zu kommen. Wir haben sie übrigens nicht abgeworben oder so etwas.
Was die Außenwirkung angeht, bin ich mir nicht so sicher. Wobei, doch, ich habe schon das Gefühl, dass wir seit einiger Zeit wieder mehr geachtet werden für das was wir sind und machen. Dieses ist meiner Meinung nach aber eine Mischung aus verschiedenen Komponenten: Erfolg von Bands wie Jan Delay oder auch Deichkind (die wir ja buchen); die Hochachtung vor Institutionen wie z.B. F.S.K. oder den Goldenen Zitronen; der berühmte Künstler Daniel Richter als Inhaber; und aber auch nicht zuletzt die Ehrlichkeit, Herzblut und Professionalität, die wir im Arbeitsalltag an den Tag legen. (Klingt total bescheuert, ist aber irgendwie so)
Jörg: Lohnt sich ein Vertrag mit Universal für Euch und Jan Delay? Oder was bedeutet “Passiva”, einfach nur Support, ohne Geschäft, aus alter Verbundenheit? Und was dagegen “Aktiva”? Ich bin kein Geschäftsmann – ihr könnt also ganz offen sprechen … (ha, ha)
Thorsten: Ein Vertrag „lohnt“ sich immer dann, wenn ein Künstler viele Tonträger verkauft.
Friederike: Wenn Du mit „Passiva“ und „Aktiva“ auf die 2 Bandkategorien auf unserer Homepage anspielst, dann sind damit natürlich nur die aktiven Bands gemeint und die, die halt gerade oder generell nichts mehr machen…–
Was Universal angeht: für einen Künstler wie Jan Delay ist es natürlich wichtig, große Summe ausgeben zu können, für Videos, Produktionen usw. Zudem braucht oder will er in diesem Fall auch einen Marketingapparat, der alle Register zieht. Ich denke ohne Major im Rücken hätte er ebenso erfolgreich werden können- wir hätten aber natürlich ein ganz anderes Modell finden müssen, welches erstmal für uns mit einem sehr hohen Risiko verbunden gewesen wäre. Abgesehen davon gab es ja auch eine vertragliche Bindung an Universal.

Jörg: Daniel Richters Plattencover wird kaum ein Sammler (seiner heutigen Gemälde) kennen, sagt ihr. Liebäugelt ihr vielleicht mit einer Edition handsignierter Richter-LPs, oder bleibts beim guten alten Plattencover mit dezentem Vermerk, wie bei den 3 Normal Beatles? Also Buback goes Art-Forum … es gibt ja mittlerweile Labels, die sich z.B. ganz “Künstler-Tonträgern” verschrieben haben … oder das denn wohl doch eher nicht?!
Thorsten: Bei unserer 3 Normal Beatles Veröffentlichung gab es tatsächlich eine limitierte Auflage der ein von Daniel Richter gestaltetes Poster, signiert und nummeriert, beilag. Das machen wir auch mal wieder wenn der Kontext stimmt. Ich möchte z.B. nur allzu gerne „Machine Gun“ von Peter Brötzmann noch mal als Vinyl veröffentlichen. Die Aufnahmen entstanden vor 40 Jahren und waren für mich, als mir ein Freund das Album letztens empfiehl, ein ähnliches Erlebnis, wie als ich mit 12 zum ersten mal die Dead Kennedys gehört habe und es nicht glauben konnte, wie schnell die spielen und wie aufregend Musik überhaupt sein kann. Alles was mit mir passiert ist als ich z.B. zum ersten Mal The Fall, Der Plan oder auch F.S.K. gehört habe, war wieder da. Verwirrung, aufgeladen sein, anders sein. Wenn Daniel eine Idee zu einer Veröffentlichung hat und grundsätzlich daran interessiert ist (er ist an einiger unsere VÖ´s nicht besonders interessiert bzw. versteht sie nicht), dann möchten wir auch eine spezielle Version machen. Ein „Machine Gun“ Vinyl Re-Release würde ihn wohl interessieren.
Jörg: Welche Band(s) hättet ihr gerne noch unter Vertrag, es hat aber bisher noch nicht sollen sein?
Thorsten: Wenn die verbliebenen 2 Beatles wieder was machen würden wäre das was für uns. Zum einen würden die bestimmt ganz gut verkaufen, zum anderen halte ich die Band für komplett unterschätzt.
Friederike: Ich träume ehrlich gesagt von dieser klassischen Nachwuchsentdeckung. Du hörst eine Band oder bist auf einem Konzert, denkst „das ist es“ und im besten Falle begleitet man die Band lange und wird gemeinsam sehr sehr sehr erfolgreich.
Aber ich bin gar kein guter A&R, die Demos gefallen mir fast alle nicht und ich treibe mich auch nicht in Proberäumen und Jugendzentren rum (oder wo man diese Küntstler halt so entdeckt). Realistisch gesehen hätte ich gern Tocotronic unter Vertrag. Wir sind ja jetzt ihr Vinyl-Label geworden, was natürlich super ist, aber am liebsten hätte ich sie ganz für mich!
Jörg: Ha, jetzt kommen die existentiellen Fragen: Wird es wieder vermehrt Vinyl-Platten geben, wie ich hoffe (und was, wie ich sehe sogar bei Media-Markt – jedenfalls im Wedding – wieder funktioniert, oder bei Zweitausendeins, was Reissues betrifft), weil die CD irgendwie kein gescheiter Fetisch mehr ist? Oder bricht das alles ein und selbst MP3 (MP4 etc.) wird nur noch schleppend laufen wegen Piraten-Torrents, ich meine natürlich Tausch-Börsen?
Thorsten: Ich halte eine Umsatzsteigerung von Vinylplatten für komplett ausgeschlossen. Jetzt wo ständig mehr DJ´s auf Final Scratch umsteigen, wird es auch im Hip Hop und Techno Bereich eng. Ich denke aber andererseits, dass die momentanen Zahlen die nächsten Jahre nicht weiter in den Keller gehen. Wenn du als international verkaufendes Label Vinyl machst, kann sich das schon noch lohnen. Wir sind recht beschränkt auf Deutschland, Österreich und die Schweiz. Da wir aber selber Vinylfreunde sind, versuchen wir unsere Veröffentlichungen möglichst auch auf Vinyl anzubieten. Solange das Risiko einigermaßen überschaubar bleibt. Ästhetisch und in Bezug auf Sound ist Vinyl nach wie vor fast unschlagbar. Es ist eh faszinierend wie rückschrittlich die neuen Formate wie MP3 sind. Das eingeschränkte Klangspektrum z.B. bei Itunes MP3´ ist kein wirklicher Hörgenuss.
Friederike: Dem kann ich mich anschließen. Ich glaube auch nicht, dass es immer mehr und mehr Vinyls geben wird. Vielleicht gibt es noch eine kleine Steigerung, aber dann ist Schluss. Das hängt ja auch mit der Indie-Brit-Hype Geschichte zusammen, die sich jetzt schon ein paar Jahre hält. Seitdem gibt es ja auch wieder mehr Vinyl, lustigerweise auch viele Singles. Ich glaube einfach, dass es immer Musikliebhaber und Trendverfolger geben wird, die Vinyl kaufen.
Was die CD angeht, da denke ich schon, dass das noch weiter runter gehen wird bzw. sich noch mehr spaltet in die CD´s, die super aufwendig gestaltet sind mit tausend Extras und die Billigauflagen bei Saturn oder Zweitausendeins (weil Du es erwähntest). Das dazwischen wird immer mehr wegbrechen.
Was die Tauschbörsen angeht, kann ich das gar nicht so richtig einschätzen. Grundsätzlich ist es natürlich so, dass der Wert der Musik an sich ein geringerer geworden ist bzw. durch die verschiedenen Möglichkeiten die man mit brennen und illegal downloaden hat, wird alles so unglaublich inflationär. Wieviel Musik die Leute alle so „besitzen“! Wahnsinn. Da wird ganz anders mit Musik umgegangen, je nach Stimmung lässt Du einfach durchlaufen… Auch bei meinen Freunden merke ich das, die kennen teilweise nur einen Bruchteil von dem, was sie da so auf´m Computer oder Ipod haben. Ich bin mir aber gar nicht sicher ob ich das tatsächlich schlimm finde. Eigentlich will ich nicht zu denen gehören, die jede neue Entwicklung erstmal verteufeln und früher alles besser fanden.

Jörg: Wozu sind also heute Labels noch gut, etwa wirklich um schöne Platten für tolle Bands zu produzieren? Tun das nicht verschiedene Gruppen selbst mittlerweile?
Und wenn ja, wie geht man da vor, gibt es so eine Produktionsmaschinerie, die unter Kooperation mit anderen Labels und Studios läuft, wo man sich austauscht, günstiger arbeiten kann? Habt ihr da ein „Label-Studio“ oder “Vereins-Studio”?
Wenn nein, sind die Labels dann dennoch eine wichtige Plattform/die wichtigste Zentrale für Bands, für deren Image – Myspace ist ja in dieser Hinsicht heute auch auf Herz und Nieren getestet. Und Ihr nuzt das ja auch.
Aber kein Mensch kann eine neue Band im Myspace-Dschungel gezielt suchen.
Was sagen die Bands, brauchen sie Euch weiterhin als Mediatoren, oder nur noch zur Abwicklung der lästigen Geschäfte?
Friederike: Das ist pauschal gar nicht zu beantworten. Es gibt Bands, die wollen und brauchen diese Infrastruktur, die ein Label ihnen bietet. Die wollen sich nicht mit dem Presswerk auseinander setzen, keine Preise einholen für verschiedene Verpackungsmöglichkeiten. Nicht mit dem Masteringstudio verhandeln oder mit dem Grafiker, nicht dem Vertrieb in den Ohren liegen und auch sich auch nicht den Journalisten gegenüber den Mund fusselig reden. Es sind ja schon eine große Menge an Kontakten und Erfahrungen die in so eine Plattenproduktion und Veröffentlichung einfließen. Das ist nicht zu unterschätzen. Klar, das sind die herkömmlichen Wege, es gibt ja auch die Bands, die alles selber machen, die alles selber bestimmen wollen oder sich für jeden Komponente einen Partner suchen. Auch gut. Da gibt es ja so viele Modelle…. Ich glaube einfach, dass wenn eine Band im klassischen Sinne erfolgreich eine Platte auf den Markt bringen will, dann muss sie mit erfahrenen Leuten zusammen arbeiten. Diese Leute findet man bei einem Label eben. Im besten Falle ist es so, dass das Label auf den Künstler eingeht, ihn nicht bevormundet und seine Wünsche achtet und trotzdem professionell und auf eine Art kommerziell „an dem Produkt arbeitet“. Genau, und das machen wir.
Thorsten: Ich möchte noch hinzufügen, gerade die Journalisten beim Radio und in der Presse, können und wollen sich nicht mit den tausenden Veröffentlichungen beschäftigen. Da sind die etablierten oder professioneller arbeitenden Labels eine Art selektiver Partner, dem sie zumindest ein Stück weit vertrauen und sich die Musik anhören, die von den vermeintlichen Partner geliefert wird.
Was die Studio Situation und die Frage nach einem Netzwerk angeht sind wir als langjähriges Hamburger Label auch Kommunikationsplattform für viele MusikerInnen. In Punkto Studio arbeiten wir z.B. viel mit dem neu gegründeten „Art Blakey Studio“ von Ted Gaier (Goldene Zitronen) und Mense Reents (Ego Express, Goldene Zitronen …) zusammen.
Was Myspace angeht … ich liebe dieses Medium und möchte es auch tatsächlich nicht mehr missen. Trotzdem ist es ein Irrtum zu glauben wenn eine Band z.b. an die 100 000 Seitenaufrufe hatte geht es jetzt total ab. Das Künstlerische, Inhaltliche und Identifikationsstiftende Moment bleibt sogar leider auf der Strecke seitdem „jeder“ sich Präsentieren kann. Deshalb sehne ich mich auch nach einer neuen, Popmusik Journalistischen Instanz, der man vertraut und nach der ich wieder neue Musik entdecken kann. Zur Zeit empfinde ich vieles als willenlos und uninspirierend.
Jörg Gruneberg (Text) Tilman Walther (Foto)
(im März 2008)
* Buback
Dieser Text ist Teil des Label-Specials der Persona non Grata #75. Im Heft findet ihr außerdem einen ausführlichen Text zur Buback-Geschichte von Jörg Gruneberg. Neugierig geworden?
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