Alles im Fluss Motorpsycho

Die poppige Phase Motorpsychos ist nun vorbei. Als Gebhardt diesen Satz vor ein paar Jahren in einem Interview verkündete, wusste ich, dieser Satz, kurz und knapp, galt mir und meinesgleichen. Zumindest fühlte ich, jedes Recht der Welt, mir einzubilden, dass er das tat.
„Let Them Eat Cake“, das wenige Jahre zuvor erschienen war, erachtete ich als ihre beste Platte. Zweifellos. Kein Song länger als man es für einen Popsong aushalten mag. Keine mehrteilige Oper Bestandteil ihres Albums. Die ausufernden Weiten desselben mit einer Länge von weniger als 45 Minuten, dazu noch sehr klar umrissen. Diese Platte war nichts weiter als eine klare Ansage an die eigene Geschichte. Kein Wunder: es war das Jahr 2000 und irgendwie sollte ab da an nichts mehr so sein wie vorher, das, was vorher gegolten hatte, nunmehr ungültig sein.
Zum Erscheinen von „Let Them Eat Cake“ hätte man jubeln müssen. Doch genau das hielt sich in Grenzen. Die Nerds waren abgelenkt: unsere Welt war im Umbruch, die Namen, mit all den sexy Platten konnte man sich nicht merken, eine neue alles re-definierende Motorpsycho-Platte passte nur zu gut ins Gesamtbild: Everything Flows. Was sonst. Und wir mittendrin. Die alten, treuen, stets ergebenen Fans der Band, über die wir uns im Zuge der Platten davor so herrlich lustig gemacht hatten, hassten diese Platte wie die Inkarnation des Abscheulichen und so freute sie nichts mehr als die deutliche Abkehr der Band von allen „experimentellen Phasen“ und der Aufbruch zu neuen mehrteiligen Stücken auf kommenden Alben. Denn genau dort kamen sie her: Ende der 80er als eine der Bands mit typischer norwegischer Biografie auftauchend… soll heißen: metalbeeinflusster Neo-Prog-Rock bildet die Soundfesten, auf denen mit subversiver Energie Sandburgen gekleckert werden. Motorpsycho waren anders. Immer schon. Die Kleinteildramaturgie ihrer Songentwürfe machen sie später legendär, so dass Zeiten anbrechen, in denen kaum jemand in ihrem Namen nichts weiter als den bandeigenen zynisch-parodistischen Unterton erkennt. Motorpsycho? Motörhead und Psychedelic Rock? Nach knapp 50 Jahren gefühlten Bestehens der Band können wir diese Frage klären: die Band hat beides und nichts von dem. Deshalb ja auch der Name.
Gut, dass wir darüber mal gesprochen haben.
Sprechen muss man über noch mehr. Viel mehr. Über ihre neue Platte beispielsweise. Die Popphase liegt zurück, die Abstände zwischen den Platten werden länger, die Touren in den immer gleichen Läden sind weiter ausverkauft. Die Ehrerbietungen von Bands, Labels, Medien, treuer Anhängerschaft bleiben diesselben, nichts ändert sich, nichts Maßgebendes, außer, dass man älter wird vielleicht. Was nicht schlimm ist, gar nicht schlimm. Außer vielleicht, dass die turnusmäßige Wiederkehr der Band zuerst auf Platte, dann auf Tour, immer mehr das Gefühl verstärkt, dass sich das Leben in Phasen einteilen lässt. Vor „Phanerothyme“, nach „Barracuda“, zwischen „Manmower“ und „Angels And Daemons At Play“… Orientierungspunkte in der Landschaft, Entfernungsangaben am Wegesrand. Wie klingt das: Von hier an sind es noch 10 Motorpsychoalben bis zum Tod?
Wäre da nicht einerseits die schmale Hoffnung, dass bei dieser Band die Erscheinungsabstände der Alben sich mehr und mehr dehnen und wäre da nicht die Gewissheit, dass niemand anderes als diese Band, wenn es überhaupt eine ihrer Art in dieser Welt gibt, dass niemand anderes diesen Kreis von Konzessionen und Bequemlichkeiten zu durchbrechen imstande sein dürfte. Denn nur das Selbst-in-Frage-stellen ermöglicht den Wechsel der Perspektive von sich selbst in die Welt, von der Welt auf einen selbst.
Und so findet man auf „Little Lucid Moments“ eine scheinbar unübersichtliche Menge an Momentaufnahmen, die diesen Perspektivwechsel beschreiben. Operettenhafte vierphasige Werke mit unglaublich schönen Einzelteilen und viertelstündige Songkreaturen, die sich zu echten Soundmonstern herausschälen – aber alle beherbergen diesen einen Nenner: sie zwingen einen dazu, den Blick schweifen zu lassen, die Erhöhung zu suchen, um sich auf einen besseren Standpunkt zu erheben, um noch mehr Dinge zu sehen. Dinge, die vorher nicht da waren, und das schlichtweg nur aus einem Grund: weil man sie selbst nicht sehen konnte.
Denn es ist wieder alles anders bei dieser Band. Nachdem Gebhardt aufgrund seiner Tinnituserkrankung im Jahre 2005 ausgestiegen war und Motorpsycho mit Bent und Snah als Duo mit wechselnden Drummern weiterexistiert hatte, ist durch das neue feste Mitglied Kenneth Kapstad die Band wieder eine „richtige Band“: die Songs werden gemeinsam geschrieben, der Wunsch alle gemeinsam an der eigenen Kreativität teilhaben zu lassen, treibt die Band weiter nach vorn. „Zu neuen Ufern“ würde ich gerne hierher hauchen, wenn diese Lokalisierung nicht so einen merkwürdigen süßlichen Beigeschmack hätte: nämlich den, der da heißt, hat man einmal erst „die neuen Ufer“ erreicht, wird man DORT bleiben und der Grund, warum man einst aufgebrochen ist, wird derselbe sein, der einem DORT das Leben zur Hölle machen wird.
Deshalb bleiben Motorpsycho im Fluss. Treiben hierhin bald. Später dorthin. Strömungen, die in die Irre führen, nehmen sie in Kauf, Stromschnellen, die das Boot zu kentern drohen, selbstverständlich auch.
An Land, zum Glück, gehen sie nie. Tom
* Web
* MySpace
good_to_be_elsewhere wrote:
Ahh… Motorpsycho, ich dachte die gäbe es schon gar nicht mehr. Gehören definitiv zu den Bands, mit denen ich gute Musik für mich entdeckt habe
Schöner Bericht!
Posted on 08-Jun-08 at 3:56 pm | Permalink