Immergut 2008 Ein streng subjektiver Nachbericht

Zugegebenermaßen bin ich kein großer Freund von Festivals. Einerseits hasse ich das permanente Gefühl des Schmutzigseins, das mit Zelten, Dixieklos und der ständigen Bewegung auf Gras, Sand und Erde einhergeht, und andererseits überfordert es mich zumeist, über mehrere Stunden hinweg Bands anzusehen, schlimmstenfalls ohne Pause, wenn das jeweilige Festival mehr als zwei Bühnen hat und Auftritte sich überschneiden. Musik an sich mag ich ja schon noch ein bisschen, und ich gehe auch gern zu dem ein oder anderen Konzert; auf Festivals aber nur die Wahl zwischen Nonstop-Livebeschallung und dem Suhlen im eigenen und fremdem Dreck wählen zu können, törnt mich meistens ganz schön ab. Von Instantkaffee ganz zu schweigen. Zum Immergut komme ich aber trotzdem immer wieder gerne, und so war die diesjährige Festivalsaisoneröffnung am vergangenen Wochenende mein mittlerweile vierter Aufenthalt in Neustrelitz.
Auf die Frage, wie es war, die mir seit Sonntag des Öfteren entgegengebracht wurde, antworte ich als erstes schlicht: „Heiß und staubig.“ Denn verdammt ja, das war es, und bei allem Guten war das Wetter mit all seinen Konsequenzen der alles dominierende Faktor, der im Übrigen auch dazu verholfen hat, dass ich das erste Mal in den Immergut-Nächten nicht ernsthaft gefroren habe. Mit Höchsttemperaturen um die 30 Grad und dem obligatorischen Schattenmangel war es nicht schwer, sich die Laune auf das ein oder andere nachmittägliche Bier vermiesen zu lassen und ganz straight-edge-like erst mal beim Wasser zu bleiben. Gliedmaßen konnten aufgrund des extrem hohen
Erde-Sand-Anteils auf dem Boden und in der Luft nach nur wenigen Stunden kaum noch als solche erkannt werden, und streckenweise fühlte man sich tatsächlich wie ein vierjähriges Kind, das ein bisschen zu lange im Dreck gewühlt hat (von den schwarz gefärbten, getrockneten Sekreten in der Nase ganz zu schweigen…). Aber bevor ich mich typisch deutsch über das Wetter beschwere – es hätte ja weiß Gott so oder so auch noch weitaus schlimmer kommen können! –, widme ich mich lieber dem, das ein Festival dann eben doch ausmacht: dem Getränkeangebot.
Haha, reingefallen. Ich meine natürlich die Bands, wobei ich nur auf diejenigen eingehen werde, die ich persönlich für nennenswert halte, also kommt mir danach bitte nicht mit Sprüchen wie „Aber du hast doch die und die vergessen“ oder „Die waren doch aber total beschissen“. Mein Text, meine Meinung. So. Los geht es für mich bei gefühlten 76 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von guten 80 Prozent im Nebenbühnenzelt mit The Audience, einer Band, die ich sehr mag, die ich mir aufgrund ihrer Tanzbarkeit und ihren zweifellosen Livequalitäten im Zeitplan etwas weiter hinten gewünscht hätte. So ist es dann wohl auch dem Wetter geschuldet, dass der Auftritt nicht bis an die Grenzen der potenziellen Kraft der Band geht, sondern trotz aller Bemühungen verständlicherweise etwas atemlos daher kommt. Verhältnismäßig viele neue Stücke geben einen Vorgeschmack auf die neue Platte, die im Herbst erscheinen soll und für mein Verständnis wohl etwas seichter als „Celluloid“ ausfallen wird. (Die Freude des Sängers, dessen Namen ich nicht weiß, über ein für die Verhältnisse respektabel gefülltes Zelt ist übrigens zuckersüß.) Anschließend spielen Blood Red Shoes, deren derzeitigen Bekanntheitsgrad ich nicht wirklich nachvollziehen kann. Nur weil man ein bisschen zuviel Sonic Youth gehört hat, heißt das noch lange nicht, dass man eine Platte aufnehmen und auf Tour gehen muss; aber was soll’s, meine Meinung war in solchen Angelegenheiten sowieso noch nie gefragt. Nach einem kurzen Abstecher ins Labelzelt, um den Damen und Herren von Alison Records Hallo zu sagen, und einem Trip ins eigene Zelt, sehe ich die zweite Hälfte des Johnossi-Konzerts, bei denen es sich ähnlich verhält wie mit BRS. Wenngleich musikalisch in eine etwas andere Ecke gehend, betrachte ich das Ganze nur als einigermaßen unnützes Wiedergekäue von bereits Dagewesenem. Will sagen, nichts, worüber es sich lohnt, sich aufzuregen, aber eben auch nichts, das mich sonderlich aus den Latschen hauen könnte. Gegen elf folgen meine beiden antizipierten Highlights des Festivals: iLiKETRAiNS, weil ich die nun mal liebe, und The Notwist, weil ihr letzter Immergut-Auftritt eher enttäuschend und ich optimistisch genug war, um auf eine qualitative Verbesserung zu hoffen.

Dass iLiKETRAiNS wohl kaum enttäuschen können, ist klar, dafür sind sie einfach viel zu gut. Bezauberndes Konzert im Zelt, die anderswo bereits erwähnte Weltuntergangsstimmung inmitten angetrunkener und sonnenverbrannter Rotznasen – ein Genuss. Mit The Notwist verhält es sich dann nicht ganz so leicht; ich kann mir nicht helfen, aber unter freiem Himmel gestaltet sich die Umsetzung ihrer Musik doch etwas schwierig. Wenngleich sie wesentlich besser waren als 2004, fühle ich mich gezwungen, den Standpunkt zu vertreten, dass man sich diese Band doch lieber in einem geschlossenen Raum ansehen sollte. Immerhin spielen sie meine drei Lieblingslieder (for the record: “Day 7”, “Chemicals” und “Consequence”)– schon alleine dafür hat es sich dann eben doch gelohnt. Louie Austen, ein etwas betagterer Österreicher in weißem Anzug, der mit Elektrobeats unterlegte Jazzlieder singt, soll den Abschluss des Freitags darstellen; mir persönlich klingt das dann allerdings doch etwas zu schnöde, so dass ich den Spaß von Weitem und mit nur einem halben Ohr beachte. Stattdessen: Mojito mit zuviel (Rohr-!)Zucker und warten auf Disko im Zelt mit King Klattsche, der schlussendlich weiß, womit er die Meute zum Tanzen bringt. Eine große Masse zu bewegen, geht natürlich mit Einbußen in der Qualität einher, und ich sage an dieser Stelle noch mal: Ich hasse, hasse, HASSE die Wombats, aber zur entspannten Nachtgestaltung reicht es dann irgendwie doch. Halb 5 bin ich im Zelt…

… und halb zehn wieder wach, weil ich mich mit tropisch heißen Schlafumgebungen so gar nicht anfreunden kann. Der Hitze ist es dann auch wieder geschuldet, dass ich den Samstagsauftakt mit den grandiosen Ter Haar nur zum Teil sehe und dann auch erst wieder zu fortgeschrittener Stunde das Festivalgelände betrete: Bei akutem Schattenmangel und prasselnder Sonne ist es einfach nicht möglich, sich Konzerte auf vernünftige Art und Weise anzusehen. Ich schaue wieder bei Alison Records im Zelt vorbei, wo der T-Shirt-Verkauf auf Hochtouren läuft. Robin sagt etwas sarkastisch: “Wenn wir schön viele T-Shirts verkaufen, können wir vielleicht auch mal wieder eine Platte rausbringen.” Ja, Ihr Idioten, die Ihr zu geizig seid, um Geld in physische Platten zu investieren – so weit ist es nun schon gekommen. Textil vor Vinyl, um jetzt mal ganz plakativ zu werden. LoFi Fnk spricht mich nicht sonderlich an; für meinen Geschmack etwas zu fluffig. Kaugummiautomatenmusik, wie ich bereits am Abend zuvor in einem anderen Zusammenhang feststellte. Get Well Soon ist eine weitere dieser Bands, die auf Festivals zu sehen problematisch ist. Obwohl ihr Auftritt in der post-Immergut-Umfrage ziemlich weit oben in der Rangliste zu finden ist, kann ich dieser doch eher wehleidigen und teils misanthropischen Musik zwar zu Hause sehr viel, im Rahmen eines sonnigen Outdoor-Events jedoch eher wenig abgewinnen. Will sagen, weiß Gott keine schlechte Band, aber aufgrund ihrer .. äh .. emotionalen Komplexität möglicherweise doch etwas zu anspruchsvoll für ein Festival. Fotos halten, was sie mir vor anderthalb Jahren in Halle versprachen: Obwohl sie auf Platte durchaus nicht zu verachten sind und Spaß machen, lassen ihre Fertigkeiten als Liveband mehr als zu wünschen übrig. Wiederholtes Verspielen, schlechter Sound und Stadionposen sind dann eben doch nicht das, was ich mir von einem Konzert wünsche. Und so gehen sie ein in die Annalen der Bands, die ich nie wieder live sehen möchte. Slut hingegen überraschen mich positiv; obwohl ich mich in den letzten Jahren eher von ihrer Musik abgewandt hatte, lassen sie Erinnerungen an die „alten Zeiten“ wieder aufleben, z.B. als ich mich 2002 vollkommen auf „Nothing Will Go Wrong“ festfuhr, nachdem ich bereits „Lookbook“ vollständig absorbiert hatte. Obwohl die neuen Stücke, die ich größtenteils noch gar nicht kenne, mich nicht unbedingt in Begeisterungsstürme verfallen lassen, zählt dieser Auftritt definitiv mit zu den besseren – und wer weiß, vielleicht freunde ich mich ja wieder an mit der Schlampe. Mit Peter Licht wird das jedoch niemals passieren – ein Konzert, das in seiner Redundanz wohl nicht mal vom Sommerfest der Volksmusik geschlagen wird und meine Beine ordentlich schwer werden lässt. Dafür holen die Lemonheads alles, aber auch wirklich alles raus. Ein monumentaler Auftritt, mit Evan Dando (dem .. hust .. geilen Stück Fleisch .. hust) in bester Laune – demzufolge ein würdiger Abschluss des neunten Immerguts. Zum Tanzen habe ich keine Kraft mehr, also verziehe ich mich in mein Zelt, wo mein betrunkener Zeltgenosse bereits friedlich vor sich hin schnieft.
Abschließend sei gesagt: Schön war’s, auch wenn ich für mehr Klopapier in den Dixies und einen neuen Biersponsor plädiere.
schommsen wrote:
hehe…
sehr schön alles hier…
aber irgendwie finde ich das komisch. alle frauen, die vom immergut berichten fanden lemonheads super. dabei wird aber immer nur erwähnt, dass der sänger so toll aussah. wie es musikalisch war, nämlich, dass der werte herr sich mehrmals verspielt und stücke abgebrochen hat, wird dann meist nicht erwähnt. ist mir gerade nur mal so aufgefallen und soll nicht dein recht zur subjekitivität in frage stellen!
toller nachbericht!
Posted on 05-Jun-08 at 6:35 pm | Permalink
jana wrote:
hey schommsen,
zugegebenermaßen lasse ich mich schnell von einer ansprechenden optik beeinflussen. allerdings erinnere mich nur an ein abgebrochenes lied, ganz am anfang; und das ist iLiKETRAiNS im übrigen auch passiert. es ist also nicht so, dass ich das gar nicht bemerke, sondern eher darüber hinwegsehe - sofern es nur einmal passiert, und nicht (wie bei fotos) wiederholt.
Posted on 06-Jun-08 at 7:08 pm | Permalink