Rocken musses! sagt Jensor

Natürlich gilt diese simple Weisheit auch im Jahre 2008. Ganz ohne Arschtreten will die Welt nun mal nicht recht funktionieren – ein triftiger Grund, einer entsprechenden Ansammlung von Tonträgern dem passenden Test zu unterziehen.

tribute.jpg TRIBUTE TO NOTHING kann ich beispielsweise auf gar keinen Fall Luschigkeit vorwerfen. Nö nö, die wissen schon ganz genau, was sie wie zu machen haben. Souverän und gewappnet mit der Routine einer geraume Jahre umfassenden Bandkarriere machen die vier Herren aus England elfmal das, was im Beipackzettel als „Post-Hardcore“ bezeichnet wird. Vermutlich, um der inzwischen offenbar schon als rufschädigend geltenden Bezeichung „Emo“ aus dem Weg zu gehen – was freilich nichts daran ändert, dass der entsprechende Pathos auf „Breathe How You Want To Breathe“ (Ass-Card Rec./Flight 13) geradezu omnipräsent ist. Dennoch bringen die mich auch schon mal zum Mitwippen. Wie schon gesagt: Keine Luschigkeit! Allerdings steckt mir dann doch ein Tick zuviel musikalische Routine und damit stilreferenzielle Berechenbarkeit drin. Tribute To Nothing bleiben brav drin im abgesteckten und damit gesicherten Terrain. So richtig genügen will mir diese Kalkuliertheit freilich nicht.

crashromeo.jpg Denn wo die schlimmstenfalls enden kann, wenn man mit seinem Latein in Sachen Songwriting am Ende ist, machen sowohl CRASH ROMEO als auch VERSUS YOU auf erschreckendste Art und Weise vor. Weder aus „Gave Up The Clap“ (Trustkill/SPV) noch aus „This Is The Sinking“ (Winged Skull/Radar) lugt auch nur der winzigste Ansatz einer eigenen Idee heraus. Und es ist halt eben im Vergleich mit einer gerade noch so okayen Band versusyou.jpgwie Tribute To Nothing nicht einmal irgendwie zwingend. Die einen – nämlich Versus You – haben zwar wenigstens einigermaßen eine Vorstellung von der Attitude, die mal Bands wie Jawbreaker oder Jets To Brazil bewegt hat. Aber dafür müssen sie mit einer echt mülligen Produktion kämpfen, die den Songs jeden Drive gründlich austreibt. Und die anderen sind halt die typischen Alternative-Charts-Kasper, die bei jeder, aber auch wirklich jeder Gelegenheit auf Nummer sicher gehen.

nitrominds.jpg Dann schon lieber ein paar muntere Haudraufs der Bauart NITROMINDS. „Verge Of Collapse“ (Übersee Rec.) kredenzt insgesamt 17 Stücke (darunter drei Live-Aufnahmen) mit einer angenehm ungehobelten Old-School-Hardcore-Attitude inklusive einer erfreulich sachten und zurückhaltenden Metal-Kante. Geschwindigkeit rules okay, hymnenhafte Mitgröhl-Refrains ebenso und dank einer nicht radiokompatiblen Produktion steckt da sogar noch so etwas wie Authentizität drin. Eine Authentizität, die ich dieser Band gerne zugestehe – immerhin rumpeln sich die Brasilianer nun auch schon seit 1994 durch die HC-Clubs dieser Welt. Allerdings musste ich so nach der Hälfte der 42 Minuten Laufzeit darüber nachdenken, dass es dereinst schon seine Berechtigung hatte, Hardcore-Platten nach runden 25 Minuten zu einem guten Ende zu bringen.

good-riddance.jpgWenn es in den letzten Jahren um das Thema Hardcore ging, waren GOOD RIDDANCE als Vertreter der höchstmöglichen Liga eigentlich stets präsent. Was mich allerdings auch nicht daran hinderte, mich mit der inzwischen verblichenen Band höchstens mal am Rande zu beschäftigen. Jetzt liegt mir die als Tondokument unter dem Namen „Remain In Memory“ (Fat Wreck Rec.) festgehaltene letzte Show vom 27. Mai 2007 in Santa Cruz vor und sie bestätigt die genannten Fakten in allen Punkten. Good Riddance überzeugen mit anständiger Schmissigkeit sowie genau der richtigen Balance aus melodischer Eingängigkeit und rumpligen Highspeed-Fanatismus. Wenn nur die ganze Chose sich nicht ein wenig zu wohlig und selbstzufrieden sowohl musikalisch als auch inhaltlich in jener Soße suhlen würde, deren Zusammensetzung sich nunmehr auch seit mindestens 20 Jahren nicht verändert hat. Da bin ich dann einfach viel zu wenig Fan, um gnädig darüber hinweg blicken zu können.

thelovedones.jpg So weit, so einfach. Schwierig wird’s, wenn ich erläutern muss, warum Good Riddance bei mir nicht mehr auslösen als ein anerkennendes Kopfnicken, eine Band wie THE LOVED ONES hingegen mit der Veröffentlichung „Build & Burn“ (Fat Wreck Rec.) für ungeteilte Begeisterung sorgt. Liegt’s an der gewissen Prise mehr an Rotzlöffelhaftigkeit, mit der man bei mir ja immer gut einen landen kann? An dem Hauch Samiam-geschulten Songwritings? Oder an der spürbaren offensiven Aufgeschlossenheit der Loved Ones, die sich beispielsweise niederschlägt in echt erfrischender Furchtlosigkeit gegenüber der ganz großen pathetischen Geste (vorzugsweise in den Refrains)? Irgendwas in der Richtung muss es sein, was diese Platte auszeichnet – ich jedenfalls kann gar nicht genug davon bekommen.

thegogets.jpg Wie man es hingegen nicht machen sollte, zeigen THE GOGETS auf. Nichts gegen Abwechslungsreichtum und stilistische Vielfalt, man kann’s aber auch übertreiben. Und wer schon beim Opener in runden vier Minuten gefühlte 20 Mal im höchst bemühten Maße zwischen Ska-Core, Punkrock, Highspeed-Geklopfe und Alternative-Rock-Kram hin und her springt, steckt entweder ganz tief drin in der Rechtfertigungszwickmühle oder hat schlicht kein Gefühl für einen funktionierenden Song. Die Österreicher leiden an beiden Symptomen: „Narcotic Views Of Life“ (Dambuster/Finest Noise/Radar) bleibt auf der einen Seite krampfhaft um Vielschichtigkeit bemüht, ohne wirklich eine packende musikalische Komplexität zu erreichen. Und andererseits will einfach ums Verrecken nichts hängen bleiben von der „explosiven Mischung aus Punk, Hardcore und Rock“, die vom Beipackzettel leider vergeblich prognostiziert wird. Wie war dies noch mal? Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

crashmydeville.jpg Eine Aussage, die man auch mal so für CRASH MY DEVILLE stehen lassen kann. Bei allen grundsätzlichen Sympathiepunkten, die ich auch hier gerne für’s Mühegeben verteile: „Please Glamour, Don’t Hurt ’Em“ (Redfield Rec./Cargo) ist doch ein wenig sehr eindimensional. Screamo-Grunz-Mosch-Metalcore ohne sonderliche Überraschungen, zwar solide und mit ausreichend Druck eingespielt, aber es fehlt die aus meiner Sicht zwingend notwendige packende Eindringlichkeit, die den Weg über die pure musikalische Pose hinaus aufzeigt.

hate-squad.JPG Wo wir gerade bei Posern sind: HATE SQUAD sind ein typischer Fall. Markieren die harten Jungs, lassen die Hatecore-Bösewichte vor dem Herrn heraushängen und liefern dann mit „Degüello Wartunes“ (Dockyard 1/Soulfood) ein klassisches Beispiel für „Gewollt und nicht gekonnt“ ab. Das soll Hatecore sein? Entschuldigung, wenn ich an dieser Stelle mal herzhaft lache. Was ist bitte schön an ein paar ausgelutschten Metal-Riffs und ein wenig Rumgebrülle Hatecore? Wenn ich mich recht erinnere, war Hass doch dereinst immer noch eine Emotion. Und davon möchte ich dann auch schon noch mal was hören; nicht zudem noch lasch produzierten Kram, neben dem Malen nach Zahlen zum spannungsgeladenen Event mutiert.

thisishell.jpg Vielleicht einfach mal bei der Konkurrenz reinhören. Bei THIS IS HELL beispielsweise. Die erfinden auf „Misfortunes“ (Trustkill/SPV) das Hardcore-Rad zwar auch nicht neu, wissen aber wenigstens durch Kompromisslosigkeit zu überzeugen. Travis Reilly ist ein Shouter der klassischen HC-Schule, der sich stets im richtigen Moment durch die ebenso klassischen HC-Mitgröhl-Backgroundchöre unterstützen lässt. Das Songwriting hält eine durchaus gesunde Distanz zum handelsüblichen Metal und weiß zwischen Geklopfe, Midtempo-Mosh und Downtempo geschickt zu vermitteln. Gute, weil unbedingt konsequente Hardcore-Platte (auch wenn sie nicht an das Niveau des wahnwitzigen Knochenschüttlers von Coliseum heranreicht).

ringworm.jpg Schal hingegen ist der Nachgeschmack, den „The Venomous Grand Design“ (Victory/Soulfood) von RINGWORM hinterlässt. Hier bleibt bei mir nur eine einzige Frage hängen: War dies wirklich schon alles? Absolut alles, was ihr auf dem Kasten habt? Echt? Dann sieht’s in Sachen Brutal-Core wohl ganz schön düster aus. Schockieren geht jedenfalls anders.

drownedindreams.jpg Ist halt nicht so einfach, hart zu sein. Ein Problem, das DROWNED IN DREAMS offenbar ganz gut kennen: Die mühen sich auf dem Fünf-Track-EP „Tragedy Of Empty Homes“ (Finest Noise/Radar) ebenfalls redlich, den Bürgerschreck zu markieren. Die Betonung liegt auch hier auf dem Wörtchen „mühen“ – überzeugend ist dies nicht. Liegt vielleicht daran, dass man mit der Verquickung von Hardcore und Metal allein 20 Jahre nach Corrosion Of Conformity, Bold, SOD oder D.R.I. so richtig niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann.

minutue.jpg A bisserl mehr Engagement muss da schon sein. Engagement, das THE MINUTE BETWEEN wenigstens teilweise in die Waagschale werfen können. Deren Metalcore-Variante klingt auf der EP „Action And Reaction“ (Finest Noise/Radar) zumindest so ungewöhnlich, dass der geneigte Hörer der ganzen Geschichte gerne ein wenig mehr an Aufmerksamkeit schenkt. Irgendwie stolprig, beinahe überhastet, von einer unsteten Getriebenheit präsentieren sich die insgesamt fünf Stücke – sympathische Sache, weil sich daraus eine Unberechenbarkeit ergibt, die ich in dieser Form schon lange nicht mehr in diesem Genre vernommen habe. Ich hoffe mal nur, dass sich die Jungs diese Nonkonformität erhalten und nicht an jenen Ansätzen „normalen“ Metalcores weiterfeilen, die sich – aus meiner Sicht leider – auch auf der EP finden.

memphismayfire.jpg Apropos Nonkonformität: Darum sind hörbar auch MEMPHIS MAY FIRE auf der gleichnamigen EP (Trustkill/SPV) bemüht. Der Spagat zwischen Screamo-Core und Southern Rock sollte es hier sein, werde ich durch die Produktinformationen belehrt – für meinen Geschmack fehlt es da ein bisschen zu sehr an letzterem. Dabei fangen die mit einem mächtigen Rock-Riff beim Opener „Cowbell’s Makin’ A Comeback“ echt verheißungsvoll an. Nur leider wird das Memphis May Fire zu rasch vom Mute zur Grenzüberschreitung verlassen: Dann rulen über weite Strecken halt die üblichen Screamo-Emo-Standards okay. Schade drum. Hätte mich doch mal interessiert, was man aus einer gleichberechtigten Verquickung der Genres hätte machen können.

discometal.jpg Übrigens: Wie eine satte Portion Spaß und Unbekümmertheit in einem sich viel zu oft viel zu ernst nehmenden Genre wirken kann, machen auf positive Art und Weise MAY THE FORCE BE WITH YOU vor. Deren „Discometal Youth E.P.“ (Horror Business) verzichtet zwar leider auf die still von mir erhofften klassischen Disco-Elemente, hört sich aber trotzdem ganz angenehm weg. Dafür sorgt eine erfreulich unprätentiöse Inszenierung von Screamo-Core kombiniert mit einer Eingängigkeit, die überraschenderweise hin und wieder sogar an der normalerweise strikt tabuisierten Pforte zum Pop kratzt (möglicherweise ist die Disco dann doch gar nicht so weit weg).

cavaleraconspiracy.jpg Nu aber erstmal Schluss mit lustig. Ist ja eine ernste Sachen, wenn Legenden sich mit neuem Leben füllen. Nach gefühlten 10 000 Jahren Funkstille zwischen den Brüder Max und Iggor (nein, kein Fehler, der Herr wünscht ab sofort mit zwei G geschrieben zu werden) Cavalera wird inzwischen nicht nur wieder miteinander gesprochen, sondern sogar in der CAVALERA CONSPIRACY gemeinsam musiziert. Das ebenso knochentrockene wie zündende Ergebnis dieser Kollaboration kann man sich nun unter dem Namen „Inflikted“ (Roadrunner) zu Gemüte führen. Nun, ich habe dies gern getan: Ein wohlig integrer Brocken Metal, der eine Affinität zu Sepultura aus durchaus nachvollziehbaren Gründen nicht ganz leugnen kann, mir dabei ein wenig tighter auf den Punkt gebracht zu sein scheint. Ich sag’s mal so: Auf diese Art und Weise gespielt kommt mir auch der eher klassisch definierte Metal ins Haus. Und in einem Punkt hat der gute Herr Nauber ja schon auch recht – so ganz klar, was sich die Herren Cavalera bei den teilweise recht fleißig eingestreuten Gitarrensoli gedacht haben, wird einem nicht. Immerhin sorgen sie dafür, dass man ab und an irritiert und damit irgendwie auch interessiert aufmerkt. Unterm Strich ein echtes Metal-Highlight des Jahres 2008.

foreverslavemusic.jpg Schließlich ist man ja schon dankbar, wenn man sich in der Hartwurst-Kreisen an den auch schon mal erwähnten Ruf des Bürgerschrecks und Radaubruders (gern auch mal radikal politisiert – siehe Cavalera Conspiracy) erinnert. Im Zuge des Mainstream-Erfolgs von Evanescence, Within Temptation, und Konsorten wälzt sich ja längst eine Lawine von Epigonen zu Tal, auf die zumindest ich ohne Probleme verzichten könnte. Aber nein, jeder bekommt sein Fett ab – auch ich in Form der Veröffentlichung „Tales For Bad Girls“ (Wacken Rec./SPV) der Formation FOREVER SLAVE. Hier müht sich Lady Angellyce redlich, möglichst passgenau in die Fußstapfen erwähnter „Rockröhren“ zu treten, der Rest der Band will da auch nicht durch unnötige Innovationen auffallen … steht zu befürchten, dass sich dies verkauft wie geschnitten Brot.

wallsofjericho.jpgWer’s noch ein wenig elender braucht, dem sei die EP „Redemption“ (Trustkill) von WALLS OF JERICHO wärmstens empfohlen: Deren klischeebehaftetes Pathos-Emo-Gegrufte geht mir sogar noch einen Zacken mehr auf die Nerven. Und dies aus einem einfachen Grund: Während Forever Slave ohne Umschweife klar machen, dass es hier eigentlich gar nicht so richtig um die Musik an sich geht, sondern nur um ein bisschen erfüllte Erwartungshaltung, versuchen einem Walls Of Jericho mit der Nummer „ernsthafte Musiker“ in die Brieftasche zu kommen. Um dann doch nur wieder Kitsch zu produzieren – da helfen auch die akustischen Instrumente, das Orchester, die Pauken nix.

house-parish.jpgFinden wir lieber wieder auf den Rock-Weg zurück. Da findet sich schon manchmal etwas Aufregendes. HOUSE & PARISH beispielsweise. Die haben mit „One, One-Thousand“ (Arctic Rodeo/Alive) eine Platte gemacht, die in mir viele Fragen aufgeworfen hat. In aller Regel haben diese Fragen etwas zu tun mit dem Kernpunkt „Darf man dies?“ Dabei fängt die Sache eher durchschnittlich an: Der Opener „Pristine Fields“ ist ein halbwegs okayer Emo-Song der handelsüblichen Prägung. Hätte eigentlich nicht notgetan, wenn mich einer fragt. Doch mit „Summer Programme“ geht’s dann los. Die Fragerei im Kopf. Meine Fresse, was schwingt denn da im Hintergrund mit? Habe ich jetzt einen Knall oder lugt da ein New Order’sches Popverständnis durch? Und warum muss ich bei „This Curse“ an Joy Division denken? Ganz schön raffiniert, die Jungs. Vor allem, weil die Fragerei im Kopf nie wirklich unangenehm wird – so in Richtung offenkundiger Effekthascherei. Ein (für Emo-Verhältnisse) erstaunlich unaufgeregtes, dafür aber sehr wohl spannendes Stückchen Musik.

eerie-vons-spidercider.jpgEin Mensch ganz nach meinem Geschmack ist auch Eerie Von. Mit der Formation EERIE VON’S SPIDERCIDER hat er ein angenehm Lo-Fi-produziertes Häppchen Rock’n’Roll namens „That’s All There Is“ (Slumlord Rec.) eingespielt, an dem klassische Schurken, zwielichtige Gestalten und gestandene Kotelettenträger ebenfalls ihre Freude haben dürften. Der rumplige Garagenrock lässt freundlich grüßen und gerne nicke ich mit dem Kopf zurück. Das Schöne: Der offenkundig Pop-Punk-geschulte Herr Von macht sich die Sache auch nicht unnötig kompliziert, lässt vielmehr Gitarre und Schlagzeug einfach munter laufen und hat damit die Hits klar auf seiner Seite.

houston-swing-engine.jpgKrawallschläger der breitbeinigen Sorte sind hingegen HOUSTON SWING ENGINE. Die vier Schweizer wollen schon mit dem Opener „My Velvet Hostage“ ihrer aktuellen Entäußerung „Entre Hommes“ (Headstrong Rec./Soulfood) die Welt in drei Minuten einebnen und greifen zu diesem Zwecke ordentlich ins Regal: Ein ausgewachsener Schreihals am Mikro, Ultrafett-Riffs der „Wir funktionieren immer“-Marke – kann man nicht meckern, Respekt. Rotzrock der konsequenten Sorte, der ganz in diesem Sinne und wie schon erwähnt auch vor Klischees nicht zurückschreckt. Die Powerballade lässt auch schön grüßen. Oooooch, ich persönlich habe da ja nix gegen – vor allem, da die Houston Swing Engine eigentlich auch ganz gut und abwechslungsreich auf der Klaviatur des Böse-Jungs-Rock zu spielen versteht.

skullboogey.jpgRichtig hard rocken wollen auch SKULLBOOGEY, aber „Dead $ Sold“ (Finest Noise/Cargo) bleibt ein eher lauwarmes Vergnügen. „Ridin’ The Lowlane“ geht zwar mit einem satten und wirkungsvollen Riff los. Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, hier wolle sich ein verhinderter Metaller verewigen. Denn diese zehn Stücke sind Riffreiterei der hochgradig nervenden Form – statt es einfach auch mal unreflektiert rocken zu lassen, muss uns der Meister namens Stefan Wendling immer wieder vormachen, dass er in keiner Situation die Kontrolle über seine Rhythmusgitarre verliert. Prima. Nur ich mag mir diese Kalkuliertheit und Berechenbarkeit spätestens nach dem dritten Song einfach nicht mehr anhören.

hutchinson.jpgKann sich da draußen eigentlich noch jemand an Payola erinnern? Und da an den Herrn Nico Kozik? Den gibt’s wieder. Und zwar mit einer Band namens HUTCHINSON, die (aus welchen Gründen auch immer) für das Debüt „The Antidote“ (Tiefdruck Musik/Universal) offenbar schon mal einen ganz anständigen Plattenvertrag bekommen hat. Nun, es sei ihm gegönnt. Seine Sangesqualitäten sind unbestritten hoch – dies zeigten schon die Auftritte bei den Sissies und den schon erwähnten Payola. Und auch Hutchinson darf sich freuen, das Kozik’sche Charisma in die Waagschale werfen zu können. Allerdings hat die Band auch ein Problem. Das Problem ist die unbestreitbare Existenz einer anderen Band. Queens Of The Stone Age gibt’s nun mal schon (ebenso, wie es Kyuss unbestreitbar mal gegeben hat). Immerhin: Hutchinson sind aktuell unbedingt die QOTSA: „The Antidote“ ist die Platte, die ich mir an Stelle der wahnwitzig missratenen „Lullabies To Paralyze“ und „Era Vulgaris“ gewünscht hätte. Eine konsequente Rockplatte zwischen Traditionalität und Moderne. Ist ja wenigstens auch was. Doofe Nachahmer sind dagegen BOODA: Auf der gleichnamigen Platte (Finest Noise/Radar) werden die QOTSA-Standards halt einfach reproduziert. Einen Wert hat die Sache ja: Erst im direkten Vergleich kann man ermessen, wie viel – nun ja – Qualität in Hutchinson wirklich drin steckt.

veagaz.jpgGut, nun sind wir wieder mittendrin in einer neuen Epigonenrunde. Wenig eigenen Charakter können auch VEAGAZ und CLOUDBERRY entwickeln – in höchst unterschiedlichen Musikfeldern. Die ersten suchen via „New cloudberry.jpgSuburban White Trash Soul Music“ (Radar) in jener Grube zu schürfen, die dereinst von Madrugada und Co. gegraben wurde. Die anderen versuchen sich mit „Graceful & Light“ (Finest Noise/Neo) in jenem ziemlich klassischen Schrammel-Gitarren-Rock-Pop, der irgendwie nur in diesem Sprachraum zu entstehen scheint. Schlecht sind beide Platten eigentlich nicht, durchaus charmant und mit ein paar echt eingängigen und schönen Songs – fraglich bleibt das Prinzip der Gesichtslosigkeit bis hin zur völligen Selbstaufgabe letztlich aber doch.

slur.jpgDamit haben SLUR nicht zu kämpfen, was an der Herkunft liegen könnte. Die Jungs kommen aus Thailand, sind dort schon eine ganz schön große Nummer und wollen via „Boo“ (Noisedeluxe) auch der europäischen Wiege des Indie-Pop zeigen, was eine musikalische Harke ist. Der Witz dabei: Es könnte sogar gelingen. Denn Slur sind anders. Echt anders. Und dies innerhalb eines musikalischen Koordinatensystems, in dem eigentlich alles ausgelotet schien. Diese komische Trompete! Dieser Gesang! Dieses eigenartige Songwriting überhaupt! Eigentlich bringen die alles mit, um anständig ob der allgegenwärtigen Ungewohntheit die Nase zu rümpfen (hin und wieder fragt man sich, wie die es zu Nummer 1-Hits gebracht haben). Und dann holt man sich die Sache dann doch wieder aus dem Regal, um sich erneut anzuhören, ob die dies wirklich ernst gemeint haben. Und ob dies immer noch so anders klingt. Meine Erfahrung: Tut es. Immer wieder. Eine Leistung, vor der ich langsam andächtigen Respekt entwickle.

blinding-zoe.jpgSo, fast geschafft. Es kommen nur noch ein paar Sonderlinge, geschmückt mit haarsträubender Irrelevanz. Eines eint BLINDING ZOE, GOB SQUAD und POSTSCRIPTUM: Sie frönen allesamt einem begob-squad.jpginahe schon vergessenen Sound. Stampfig, verkrampft, unsexy ist beispielsweise, was die ersten beiden Bands an 90-er Jahre Alternative-Mainstream zu bieten haben. Der unglückliche Spagat zwischen Stadion und Anspruch, erneut grandios misslungen via „Blinding Zoe“ (Finest Noise) und „Watch The Cripple Dance“ (Mascot Rec.). postscriptum.jpgPostScriptum blättern mit „Prophet: Deny“ (India Rec.) das Buch der Musikgeschichte sogar noch ein paar Seiten zurück. Um inne zu halten in einer Zeit, in der Düsterrock zwingend zum Erscheinungsbild der Indie-Kultur gehörte. Abgefahren ist in diesem Zusammenhang eigentlich nur, wie konsequent die Band jede, aber auch wirklich jede musikalische Entwicklung der letzten 25 Jahre zu ignorieren verstand. Ach ja: Einen Fall für den Freak-Detektor habe ich noch. Und was für einen. kommune-54.jpgKOMMUNE 54 sind echt der Hammer. Falls irgendwer da draußen auf den deutschsprachigen Entwurf der frühen Red Hot Chili Peppers in uncool gewartet hat – hier zugreifen. „Wer schön ist sieht besser aus“ (Finest Noise/Radar) ist ein sprachlos machendes Stück Musik. Ist dies ernst gemeint? Wirklich? Naja, auf der anderen Seite sind die bestimmt die Helden im Jazz- und/oder Studentenkeller, wenn es die Mädels und Jungs mal so richtig rocken lassen möchten. Aber natürlich nur mit dem „freaky Groove“.

monster-magnet.jpgDamit hätten wir eigentlich alles. Nein, stimmt nicht. Eines hatten wir noch nicht. Die Kategorie „Legenden, die zielsicher auf dem Weg zur Zirkustruppe sind“. Kein Problem, dafür gibt es ja Dave Wyndorf und MONSTER MAGNET. Ich dachte ja eigentlich, schlimmer als mit der schrecklich uninspirierten „Monolithic, Baby!“ könne es gar nicht werden. Nun, ich wurde eines Besseren belehrt: „4-Way Diablo“ (Steamhammer/SPV) unterbietet das Niveau locker – mit schauderhaften Songs, gnadenlosen Rip-Offs, einer schrecklichen Rolling Stones-Coverversion und einer diesem musikalischen Offenbarungseid diametral entgegenlaufenden „Dicke Hose“-Attitude, die einem die kalte Kotze hochkommen lässt. Man möchte eigentlich nur noch eines: Den alten Herrschaften endlich die Instrumente wegnehmen.

Selber hören:

* Tribute to nothing

* Crash Romeo

* Versus You

* Nitrominds

* Good Riddance

* The Loved Ones

* The Gogets

* Crash My Deville

* Hate Squad

* This Is Hell

* Ringworm

* Drowned in Dreams

* The Minute Between

* Memphis May Fire

* My The Force Be With You

* Cavalera Conspiracy

* Forever Slave

* Walls of Jericho

* House & Parish

* Eerie Von’S Spidercider

* Houston Swing Engine

* Skullboogey

* Hutchinson

* Veagaz

* Slur

* Blinding Zoe

* Gob Squad

* PostScriptum

* Kommune 54

* Monster Magnet

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